Der Quellcode meiner Gefühlswelt von Hans-Jürgen John

Ich bin ein komplizierter Mensch, dabei je nach Tagesform sehr kommunikativ und kontaktfreudig. Verschiedene Vorkommnisse bewogen mich nun, in der angenommenen Lebensmitte diese Zeilen zu schreiben.

Wie also funktioniert meine Gefühlswelt? Für technische Geräte gibt es Anleitungen, um Schäden durch unsachgemäße Bedienung auszuschließen.

Für zwischenmenschliche Beziehungen fehlen diese Anleitungen weitgehend. Wohl, weil jeder Mensch sich doch aus seiner Erfahrungswelt heraus differenziert verhält. Dabei ist der Mensch sehr viel komplexer, als die Geräte, die er entwerfen und produzieren gelernt hat.

Menschen und darunter vor allem Frauen gehen davon aus, dass ich mich als Mann verhalte, wie sich ihnen gegenüber fast alle Männer verhalten – mit tolerierbaren Ausschlägen auf der Erwartungsskala nach unten oder nach oben. In solche Schemata passe ich wohl kaum deckungsgleich. Um also Missverständnisse auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und Nerven und Zeit auf beiden Seiten zu sparen hier nun der aktuelle Quellcode für meine Gefühlswelt:

Ich unterhalte mich gerne. Umso lieber mit freundlichen Menschen. Ich kaufe und schenke Frauen weder Blumen noch Schokolade noch Schmuck. Blumen halte ich für das Symbol der Vergänglichkeit, unpassend für jede Beziehung. Schokolade esse ich lieber selber. Schmuck dient meiner Meinung nach dazu, Frauen in der Beziehung zu konditionieren. Dies lehne ich ab.

Zum ersten und letzten Mal bin ich einer Frau 1992 hinterher gelaufen (mit dem ganzen Programm).
Seitdem interessieren mich zwanghafte Gefühle wie die Liebe eher am Rande. Es haben sich Beziehungen ergeben (die ich an einer Hand abzählen kann und das ist gut so), weil der weibliche Part die Initiative übernahm. Ich liebe und achte Frauen, die stark sind und wissen was sie wollen (nicht mich oder mich). Ist eines dieser komplett rätselhaften Wesen in meiner Nähe und erfüllt voraussichtlich die meisten meiner sehr hochgesteckten Erwartungen, ziehe ich mich komplett zurück. Filterverhalten. Die Richtige wird am Ball bleiben und dies direkt kommunizieren. Der uninteressante Rest verliert schnell das Interesse.

Liebe entwickle ich nie auf den ersten Blick, sondern sobald ich längere Zeit in einer Beziehung lebe und Vertrauen entwickelt habe. Sex außerhalb der Beziehung interessiert mich nicht. Doch böse Zungen sagen mir nach, ich würde gerne flirten und dann fliehen, ohne das Feuer zu löschen, das ich angezündet habe. Ist dem so, so tut mir das leid. Ich gelobe Besserung.

Eine Beziehung bedeutet bei allem Zugewinn an Lebensqualität auch immer eine Aufgabe des persönlichen Freiheitsstatus. So muss schon wirklich fast alles perfekt sein, bevor ich mich auf jemanden einlasse.
Aktuell bin ich gebunden.

Letzten November waren es nun zwei Jahre, dass mich dieses wunderbare Wesen wegen einer Geschichte auf meiner Homepage anschrieb. Ich ignorierte Ihre E-Mails. Filterverhalten. Mein Schweigen machte sie nur noch hartnäckiger. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass diese Liebe nur Dauer und Erfüllung hat, weil wir räumlich getrennt sind und eine Fernbeziehung führen. So zeigen wir uns einmal oder mehrmals die Woche von unserer Schokoladenseite. Streit bleibt außen vor. Für mich passt es. Würden wir uns jeden Tag sehen liefe das auf unendliche Diskussionen hinaus, die zum Beziehungskiller werden sobald man auf seinem Standpunkt beharrt.

Soweit also die Einzelheiten, die ich preisgeben möchte. Das ist nun meine Art auf die Gefühle anderer Rücksicht zu nehmen. Alles wird gut.

© 2012 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

Was gesagt werden muss von Hans-Jürgen John

So ein Nobelpreisträger wie Günter Grass ist nicht irgendwer. Seine Meinung hat Gewicht. Den Nobelpreis bekam er für sein Lebenswerk. Und doch ergibt so eine Ehrung kein Muss, sich zu allen Themen zu melden.

Günter Grass weiß um die Wirkung jedes seiner Worte und ist sich bewusst, was er auslöst. Publiziert ein “normaler” Schriftsteller in einer Zeitung, so kann er von Glück sagen, wenn er noch von einer oder zwei anderen ob dessen erwähnt wird. Veröffentlicht Grass, so beginnt die Translationslawine damit, ihre mächtigen Arme zu regen. Wie viele Sprachen es wohl sind, in die sein Gedicht innerhalb kürzester Zeit übersetzt wurde? Den Adressaten in Israel muss ein Echo aus so vielen Zeitungen in Ländern der ganzen Welt wie Maschinengewehrfeuer geklungen haben. Nur so lässt sich die heftige Reaktion mit Einreiseverbot erklären.

Grass weiß um die Wirkung seiner Worte. Was bewirken sie? Er provoziert. Er stellt sich auf die Seite einer Partei des Konfliktes. Er klagt an. Er erzeugt breite Aufmerksamkeit für ein Thema öffentlich.
Löst er das angesprochene Problem oder drängt er Israel in die Rolle des Angegriffenen, der keinen Millimeter von seiner Meinung abrückt?
Was darf Literatur? Was sollen Worte bewirken? Zumal wenn sie aus der Feder eines so angesehenen Menschen stammen, zu dem viele aufblicken.

Israel hat den Sechstagekrieg 1967 geführt und gewonnen, weil es seinen Gegnern, den arabischen Staaten, zuvorkam. Es wurde bedroht und hat sich gewehrt. Es liegt nahe, erfolgreiche Verhaltensweisen zu wiederholen. Israel wird demnach den Angriff zum Zweck der Verteidigung immer in Erwägung ziehen.

Israel setzt auf eine Politik der Stärke. Verbündete hat es unter den Nachbarstaaten kaum. Gewalt ruft Gegengewalt hervor. Es ist zu spät, nun zur Lösung der aktuellen Problematik auf Friedenspolitik umzuschalten. Dies würde als Schwäche gesehen und ausgenützt werden.

Und Grass? Der erste Schritt ist getan. Er hat breites Interesse erreicht und erzeugt. Welche Vorgehensweise gebietet nun die Altersweisheit und kluge Umsicht? Soll er weiter Wortgewalt mit Wortgewalt vergelten? Er könnte damit beginnen, auf eine Lösung des Konfliktes hinzuwirken. Grass kann zeigen, wie Literatur Konflikte und Probleme löst. Wenn nicht er, wer dann?

© 2012 Hans-Jürgen John

Hans ist Hans John (@rafaelofirst) auf Twitter und Hans.John.16 auf Facebook. Hans bloggt auf www.johntext.de und www.tage-bau.de .