Im Auftrag Unterwegs

Ja. So war es. Richard Geiger sah in den blauen Himmel, als seine Augen starr wurden. Niemand nahm Notiz davon. Er war der Ermordete Nummer 239 in New York in diesem Jahr. Wobei ihm diesen Platz ein kleiner Ganove aus Brooklyn streitig machen wollte. Schwer zu sagen, wer zuerst vor seinen Schöpfer trat. Beide wurden erst spät von den Hütern der Statistik gefunden.

Der kleine Mann im Kofferraum des schwarzen Ford Mustang hatte angestrengt durch ein Guckloch neben dem Kennzeichen gespäht. Jetzt gab er das Klopfzeichen und hustete. Der Wagen fuhr an. Er hustete und hustete und konnte damit nicht aufhören. Dieser Husten war sein Begleiter. Dieser Husten war sein Markenzeichen. Dieser Husten würde ihn eines Tages versagen lassen und verraten. Der kleine Mann im Kofferraum hustete in sein rotblaues Hemd.

Er hustete sich die Seele aus dem Leib, wie man sagt. Er lächelte in die Dunkelheit des Kofferraumes hinein. Offenbar gab es mehrere Möglichkeiten eine Seele loszuwerden. Sich eine Kugel einzufangen oder einfach zu husten. Der kleine Mann musste lachen und sein Lachen vermischte sich mit seinem Husten. Der kleine Mann im Kofferraum hustete und er konnte nicht damit aufhören. Es ging langsam, dieses “Sich die Seele aus dem Leib husten”. Vielleicht war seine Seele zu groß, zu belastet und aufgebläht von all der Schuld an den Toten und Ermordeten? Vielleicht machte seinem Wissen um die große Schuld, die er als Einzelner auf sich geladen hatte, seinem Bewusstsein so wenig aus, dass sein Körper ihn wenigstens dafür zum Ausgleich peinigte?

Der kleine Mann im Kofferraum hustete und hustete und sein kleiner Kopf wäre sichtbar rot gewesen, hätte es Licht im Kofferraum gegeben. So wie es die Liebe oft nur braucht, bevor Menschen sich der unfassbaren Energie bewusst werden, die in ihnen wohnt, so braucht es das Licht bei diesem Husten des kleinen Mannes, bevor sich mit Gewissheit sagen ließe, der kleine Kopf des Mannes wäre krebsrot angelaufen. Der kleine Mann im Kofferraum hustete und hustete, bis sich kaum noch Luft in seinen Lungen befand und er noch kleiner war. Er lag seitlich. Er hatte die Knie angezogen. Und nun lag er dort wie ein Baby im Mutterleib. Nur dass er kein Baby war und der Mutterleib eindeutig ein schwarzer Ford Mustang. Das Husten hörte so plötzlich auf, wie es gekommen war. Der Husten hörte mit der Angst auf, entdeckt zu werden. Sie drei, der kleine Mann und der Husten und der Ford Mustang waren in Sicherheit.

Auszug aus Im Auftrag Unterwegs.

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.