Die zwei Frauen – die zwei Welten? von H.-J. John

Die zwei Frauen standen vor dem Amtsgericht.

Die eine blockierte schwergewichtig und luftig den sonnenbeschienenen Fahrradweg in Richtung Frauenstraße. Die andere, grauschwarz, bebrillt bot sich als schattiges Hindernis für Radler in Richtung Bahnhof an.

Beide waren guter Hoffnung. Die eine ging seit Jahrzehnten nach außen sichtbar mit ihrer Liebe zu Jesus schwanger. Die andere trug ein Kind irdischer Liebe unter dem Herzen. Sie schienen sich abgesprochen zu haben. Zumindest tauschten sie sich untereinander aus. Ihre Münder bewegten sich, ihre Augen hielten einander fest.

Einmeterfünfzig zwischen ihnen wollten überbrückt werden. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten, voneinander Erkenntnis tranken, ohne Durst zu löschen.

Wie lange denn noch?

Noch neun Wochen ungefähr.

Ist alles o.k.?

Soweit ja. Laut Ultraschall ist alles dort, wo es hingehört.

Und bei Ihnen?

Bei mir?

Sie sehen müde aus.

Ich will nicht klagen.

Machen sie doch mal Urlaub.

Eine Nonnentracht am Ballermann? Das würde unserer Sache schaden.

Der Sache? Und was ist mit ihnen?

Sind wir nicht alle Rädchen und haben eine Aufgabe?

Wenn sie uns befriedigt.

Ich freue mich für sie.

Das Baby? Ja, wir haben es uns lange gewünscht. Ich hoffe, wir sind ihm gute Eltern.

Oh, ganz gewiss. Als Anhängerin Jesus haben sie es leichter. Er vergibt in seiner Liebe immer. Kinder sind da grausamer. Haben sie es je bereut?

Was?

Sich so bedingungslos für Jesus entschieden zu haben.

Bereut?

Ja.

Sagen wir, der Zweifel ist immer da, mal schwächer, mal stärker.

Bei uns war es auch so.

Wie?

Na, ob wir wirklich ein Kind in diese Welt setzen sollten.

Und was hat sie überzeugt?

Na, man wird auch älter und so ganz allein das wäre doch nichts.

Ja.

Ich wollte, ich könnte mit ihnen tauschen.

Sagen sie nicht so etwas, wehrte die Schwangere erschrocken ab.

Sagen darf ich das, jetzt wo ich keine Kinder mehr empfangen kann.

Sie halfen so vielen Menschen.

Und vergesse darüber mich.

© 2010 Hans-Jürgen John