Blick über die Grenze: Existenzminimum

Blick über die Grenze: Existenzminimum

Die reiche Schweiz und die reichen Schweizer. Wirkliche Armut soll es hier nicht geben. Das weiß doch jeder. Wie auch bei einem Sozialhilfesatz von dem jeder im Euroland nur träumen kann. Dafür sind die Lebenshaltungskosten sehr viel höher in der Schweiz, als zum Beispiel in Deutschland.

Gestern war ich zu Besuch bei einem Freund. Er hatte wiederum Besuch. Eine Frau D. (Name mir bekannt) sitzt mir gegenüber auf dem Sofa im Wohnzimmer. Sie wohnt in Oberentfelden. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln erzählt sie mir ihre Geschichte.

Frau D.’s Blick geht in die Ferne und Tränen steigen ihr in die Augen. Sie lebt alleine. Sie spricht ruhig.

Sie erzählt von ihrem Kind, dem Sohn Daniel, der bei einer Pflegefamilie lebt. Sie darf ihn zwei Stunden im Monat sehen. Ich sehe erstaunt hoch. Zwei Stunden nur, wieso denn das? Nun mehr wird ihr nicht erlaubt. Sie erzählt von ihrem Beistand, einem Herrn Matthias Frutig. Ich mache mich später schlau. Es handelt sich um den Leiter des Sozialdienstes und der Amtsvormundschaft von Rohr-Aarau. Er war heute um 11:30 Uhr telefonisch erreichbar, lehnte aber eine Stellungnahme zu den einzelnen Punkten dieses Artikels ab.

Frau D. macht einen gefassten aber traurigen Eindruck. Sie erzählt von ihrer Beziehung zu einem italienischen Restaurantbesitzer. Dreizehn Jahre wäre alles gut gegangen. Sie wollten beide kein Kind mehr. Dann kam doch ihr Sohn zur Welt. Der Restaurantbesitzer verließ sie. Er war wütend, weil er Unterhalt bezahlen sollte. Er schickte ihr die Sozialbehörde auf den Hals. Diese entschied, dass Frau D. nicht für ihren Sohn sorgen könne. Frau D. hat noch zwei andere längst erwachsene Söhne. Eine Frau, die zwei Söhne großgezogen hat soll nicht in der Lage sein ein Drittes durchzubringen?
Frau D. konnte sich nicht wehren. Ihr wurde ein Vormund zugeteilt.

Da sich Herr Frutig nicht äußert stelle ich ihre Fragen an ihn hier.

Frau D. diktiert mir ihre Wünsche in den Schreibblock.
– Sie möchte Einsicht in die Unterlagen, was die Verwendung ihrer IV-Rente betrifft. Ebenso verlangt sie Einsicht in die Kostenübersicht ihrer Wohnung.

– Frau D. möchte wissen, wie sie mit 800 CHF im Monat auskommen soll. Das wären zirka 26.66 CHF im Tag. Zum Vergleich für Leser aus Deutschland. Ein Dönerteller mit Pommes und Getränk kommt auf zirka 17 CHF.

– Zwei Stunden Besuchszeit im Monat bei ihrem Sohn Daniel sind ihr zuwenig.

Ich bin kein Psychologe. Frau D. trägt ihr Anliegen ruhig und klar vor. Offensichtlich ist hier ein Mensch, der alleine ist und um Aufklärung bittet – aus meiner Sicht durchaus berechtigt und Aufgabe des Vormundes Herrn Frutig.

Während wir reden, fällt mir auf, dass Frau D. den Mund kaum öffnet beim Reden. Ich spreche sie auf den Zustand ihrer Zähne an. Die untere Zahnreihe ist schwarz. Ist die Gesundheitsfürsorge nicht auch Aufgabe des Vormundes?

Ich bin sicher, dass sich die Situation von Frau D. klären lässt. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht, so bitte ich um Kontaktaufnahme über meine Emailadresse.

Es graust mir als Single vor dem Älterwerden. Kann es so leicht sein unter Vormundschaft gestellt zu werden und die eigenen Belange nicht mehr kontrollieren zu können?

Johntext – Literatur mit der Absicht zu helfen – wird sie auf dem Laufenden halten.

P.S. 15.April 2014

Die Situation von Frau Dragica Detelj-Topalovic hat sich leicht gebessert. Wo Menschen sind gibt es zuweilen Missverständnisse. Nur durch Kommunikation kann man sie ausräumen. Ich bin überzeugt Herr Matthias Frutig macht einen sehr guten Job und tut alles, was in seiner Macht steht, um zu helfen.

© 2014 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.