Mr. Bandookwala, M.B.A., Harvard by John P. Matthew

Mit freundlicher Genehmigung des Autors John P. Matthew, Indien hier der Auszug aus dem übersetzten, dritten Kapitel des unveröffentlichten Romans:

Seit diesem Tag im März 2008 hat mich der Gestank von Scheiße nicht mehr verlassen, der Gestank von Elend und Armut. Er verfolgt mich jeden Tag, hartnäckig, heimtückisch, macht mich elend und gibt mir das Gefühl, mich übergeben zu wollen.

Bombay war schon immer eine Stadt, die nach Scheiße und Pisse stank. Die Bahngleise sind öffentliche Toiletten, wo die Menschen mit beschämt im Schoß versteckten Gesichtern hocken (damit man sie nicht erkennt) und scheißen. Wahrscheinlich wissen sie, dass es falsch ist, aber die Lebensumstände in den überfüllten Slums bringen sie dazu, es trotzdem zu tun. Die Slums sind die fauligen Müllhalden der Gesellschaft. Es würde jeden Menschen krank machen, in diesen verfaulenden Eingeweiden zu leben, ohne jegliche Menschenwürde, ohne menschliche Werte.

Die Gewalt kommt ganz von selbst und dennoch herrscht, durchgesetzt durch Männer wie Chota Chakli, ein dürftiger Friede. Die Männer, die hier leben, sind hilflose Räder im Getriebe. In einem Getriebe, zu dem Konstrukteure wie Himanshubhai auf der einen Seite gehören, auf der anderen Seite die Regierung und der stets zur Erpressung bereite Mob.
Slums werden abgerissen, an ihrer Stelle werden gewaltige Hochhäuser errichtet und gleich daneben schießen die Hütten der Armen wieder wie Pilze aus dem Boden. Sie sind allgegenwärtig.

Ich hasse den widerlichen Geruch der Stadt. Er stört mich. Der Geruch von Schwefelwasserstoff, einem starken und zerstörerischen Gas, dessen Gestank durchdringend und stechend ist, wenn er aus den Eingeweiden entweicht. Egal wohin man geht, kann man ihn riechen, übermächtig, ekelerregend, schamlos und vulgär.
In einigen Gegenden ist er besonders stark: in Bandra, Kurla, Wadala und Charavi. Er ist da, wie der Geruch von Tod, im Gleisbogen der Harbour Rail Line, wenn der Zug sich in Richtung Dockyard Road Station wälzt und rollt. Er ist da, bei den Sümpfen von Mahim und den illegalen Destillerien von Chunabhatti.

Oh! Ich vergaß, die Spucke zu erwähnen. Überall wo man hingeht, sieht man lange rote Spuckebögen – auf Wänden, in dunklen Gebäudeecken, auf frisch gestrichenen Regierungsgebäuden, in den Pissoirs und in den Bahnhöfen und Bushaltestellen – dort liegen die Drüsenabsonderungen, ungeniert und ekelhaft.
Du musst nur eine Wand weiß anstreichen und schon ist sie über Nacht bedeckt mit rötlichen Spuckestreifen, die gerinnend ihren widerlichen Gestank in deine Nase aussenden. Es ist beinahe so als ob die Leute hier die Welt für eine öffentliche Toilette halten, die man einfach beschmutzt und dreckig hinterlässt.
Die Leute, die außerhalb von Bombay leben, sagen, ein ganz bestimmter Duft umgebe jeden Bürger der Stadt, ein widerlicher Geruch, geradezu eine Aura. Es ist eine Duftmischung aus dem Gestank von Scheiße, Spucke und Armut, die in den vollgestopften Zügen und Bussen schwebt, die Sinne überwältigt und an die man sich mit der Zeit gewöhnt. Es ist dieser unverkennbare Duft, den du, Priya-Schätzchen, und ich tragen, während ich dies im trüben Dämmerlicht eines Sonnenaufgangs schreibe, der sich in einem düsteren, metallischen Schimmer von Kupfer und Eisen über die Skyline des Marine Drive erhebt.
Die Bucht ist äußerlich ruhig und still mit in weiße Gischtwolken gehüllten Wellen, die hypnotisierend Richtung Strand rollen.

Ich saß einmal im Zug neben einem Mann mit sauberem Hemd und Hose, mit Goldketten um seinen Hals und geweihten Schnüren um das Handgelenk. Ein Mann aus der wohlhabenden Mittelklasseschicht, dachte ich. In seinen Händen hielt er eine Zeitschrift und las. Dann begann er, kontinuierlich aus dem Fenster neben sich zu spucken, wobei seine Lippen die Spucke virtuos in einer fließenden Bewegung ausstießen. Er war ein fachmännischer Spucker, ein wahrer Meister seiner Kunst.

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© 2013  John P. Matthew

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