Kaffee trinken von H.-J. John

Kaffee trinken

Er war Lokführer und hatte sie im Zug kennen gelernt. Es war keiner dieser E-Loks oder Dieseltriebwagen, an die Personenwagen gehängt werden und zu denen kein Fahrgast Zutritt hat. Es war ein 628er wie sie unter Bahnern heißen.

Die Triebwagenführerkabine war abschließbar, die Tür zum Fahrgastraum stand jedoch meistens offen, besonders im Sommer, wenn die Sonne heiß durch die Windschutzscheibe brannte und dem Triebwagenführer den Schweiß aus den Poren trieb.

Das Sprechen mit dem Fahrer war untersagt. Sie war eingestiegen und war an seiner Tür stehen geblieben.
“Werden wir pünktlich ankommen?”, sagte sie, als ihre Blicke im Rückspiegel auf einander trafen. “Sicher”, sagte er.
Sie drehte sich um und suchte sich einen Sitzplatz und von diesem Tag an achtete er darauf, ob sie unter den Fahrgästen war und war enttäuscht, wenn nicht. Mit der Zeit kamen sie sich näher.

“Sie fahren oft diese Strecke”, bemerkte sie einmal und lächelte. Er nickte und dachte daran, wie oft er schon die Schicht mit den Kollegen getauscht hatte, nur um sie zu sehen.
“Aber nicht mehr lange”, fügte er hinzu. “Ich bin versetzt worden, leider.”

“Dann werden wir uns nicht mehr sehen, schade”, sie schien ehrlich enttäuscht. “Ich habe gleich Schluss, ich stelle nur noch den Triebwagen auf das Abstellgleis.” Er dachte nach.

“Heute ist Sonntag, darf ich sie zu einem Kaffee einladen?” “Was hat das damit zu tun, dass es Sonntag ist?” Sie sah ihn nicht an.

“Ich habe nur überlegt, wann meine nächste Schicht beginnt.” “Oh.” Sie sah ihn nicht an.

” Ich würde sehr gerne, “nur bin ich darauf nicht vorbereitet.” Sie zögerte. “Wir könnten uns morgen treffen.” Erfreut stimmte er zu. “Wo? Hier?” “OK.” “Gleiche Zeit und gleicher Ort.” Sie ging davon und er sah ihr nach und sie bemerkte es, als sie sich noch einmal umdrehte und winkte ihm noch einmal zu.

Am nächsten Mittag stärkte er sich in einer Lokalität in der Nähe des Bahnhofes und gerade, als er bezahlen wollte, bemerkte er sie ein paar Tische weiter. Sie war allein und hatte ihn nicht bemerkt. Offenbar hatte auch sie gegessen und spülte mit etwas Rotem nach.

Sie trug ihr Haar als Zopf und als er näher kam, bemerkte er, dass sie im Gegensatz zu gestern einen sehr kurzen Rock trug. Ihr Beine waren lang und wohlgeformt und die Absätze kurz. Er hasste hohe Absätze. Weder konnte man darin laufen, noch tat es den Füßen gut. Es war wie mit dem Rauchen. Es stank, es kostete Geld, es war ungesund, zuweilen tödlich und doch übten es viele aus, wie einen Sport.
Schaut her, ich möchte sterben. Wer möchte eine mitrauchen?

“Hallo.” Er sprach sie an und sie war überrascht. Sie strich sich mit der rechten durchs Haar, als bedauere sie, ihm schon jetzt zu begegnen, bevor sie sich hatte frisch machen können. Dann gewann die Freude, ihn zu sehen die Oberhand. “Hallo.” Sie lächelte und bot ihm einen Platz an. Er verneinte dankend. “Wollen wir nicht gehen?” Sie fragte nicht weiter, senkte den Blick, suchte in ihrer Tasche nach Geld und ging, ohne auf die Bedienung zu warten.

Er beeilte sich mitzukommen. Sie schlug den Weg in Richtung Bahnhof ein. “Bist du mit dem Wagen gekommen?”, fragte sie. Er nickte und überlegte fieberhaft was sie vorhatte.

“Wo stehst du?” “Auf DB-Gelände.” “Fahren wir ein Stück.” “Wohin möchtest du?”

“Irgendwohin. Hier sind zu viele Leute.” “Wir könnten noch einen Kaffee trinken. Es gibt in der Nähe meines Büros einen Automaten.”

“Du hast ein Büro? Ich dachte du bist Lokführer und immer unterwegs?” “Nun es ist eine Art Ruheraum, man kann Fernsehen oder Kaffee trinken oder sich auf die nächste Schicht vorbereiten. Um diese Zeit wird dort niemand sein”, fügte er hinzu.

Sie nickte stumm. Er lief hinter ihr und verfolgte wie ihr Rock im Takt ihrer Schritte hin und her wippte. Sie sah sich nach ihm um und lächelte, als sie seinen gesenkten Blick sah.

“Was machst du eigentlich, wenn du nicht gerade mit dem Zug fährst?” “Ich arbeite bei einer großen Firma in einem Großraumbüro. Es ist sehr interessant und ich liebe es.” “Oh”, ich habe nichts gesagt. Er wehrte mit beiden Händen ab.

“Du brauchst nichts zu sagen. Ich kenne die Vorurteile schon, von wegen Tippse und so.” Er antwortete nicht. Es war nicht wichtig, woher sie kamen und wohin sie später gehen würden. Es war warm. Der Parkplatz war bis auf zwei Fahrzeuge leer.

“Das sind Kollegen, die unterwegs sind”, versuchte er ihre Bedenken, falls sie welche haben würde, zu zerstreuen. Sie erwiderte nichts. “Hast du überhaupt Lust auf einen Kaffee?”

Er öffnete ihr eine Hintertür, bevor sie das Gebäude betraten. “Ja.” Sie nickte, sah ihm nicht in die Augen. “Wir duzen uns”, stellte sie fest. “Ist mir gar nicht aufgefallen. Als würden wir uns schon lange kennen.” “Ja.” Bevor sich die Türe des Gebäudes schloss sah sie auf dem Bahnsteig einen jungen Mann mit einem Notebook. Er saß da und schaute zu ihnen herüber und dachte sich sicher seine Sachen.

Sie betraten das Büro. Es war gemütlich eingerichtet. An der einen Wandseite stand ein Kaffee und Colaautomat, auf der anderen stand ein Sofa und in der Mitte einige Stühle um einen Tisch. Dienstpläne und Bekanntmachungen bedeckten die Wände ringsherum und sparten nur das Sofa und die Automaten aus. “Setz dich doch”, bot er an und ging zum Kaffeeautomat. “Kaffee oder Cola?” “Cola, bitte”, sagte sie schnell. Sie stellte ihr Umhängetasche neben die Couch und es war, als hätte sie ein Kleidungsstück abgelegt.

Als er sich umdrehte und mit der Cola in der linken und dem Kaffee in der rechten auf sie zukam musste er unwillkürlich schlucken und verschüttete den oberen Rest des Kaffees.