Wie man liebt (7) von Hans-Jürgen John u. M. Becker

Suchen.

Nun ist am Anfang jeder Beziehung natürlich die Frage, wonach man sucht, die Erste. Allein schon das Wort “suchen” stört mich gewaltig. Entweder es ergibt sich etwas oder nicht. “Suchen” hat etwas von aktivem Tun. Natürlich braucht es Aktivität, wenn man verliebt ist und es zeigen möchte. Es ist aber noch ein großer Unterschied, ob man dem potenziellen Partner die Autotür zu einem Date aufhält oder sagt: “Steig ein!”

Sich Sehnen.

Das Wörtchen “sehnen” bringt es eher auf den Punkt.

Sehne ich mich nach jemandem, der dominant ist, weil ich nicht recht weiß, was ich möchte?
Sehne ich mich nach jemanden, der sich unterordnet, weil ich genau im Leben weiß was ich will und niemanden an meiner Seite brauche, der mir Kontra gibt und an mir zweifelt und mich und meine Ziele ausbremst?
Oder sehne ich mich nach jemandem, der gleichberechtigt mit mir durchs Leben geht, sein Ding macht und mit mir die Gemeinsamkeiten, die Freude am Leben und den Haushalt per Aufgabenteilung geniesst?

Typbestimmung.

Zuerst sollte man also feststellen, was für ein Typ man ist. Wonach sehne ich mich?

Fühle ich mich wohl, wenn ich mich unterordne?

Blühe ich auf, wenn ich mit jemandem zusammenlebe, der sein Ding macht und mich akzeptiert, auch wenn ich ganz andere Ziele oder Interessen oder Meinungen habe? Dann wären wir bei der gleichberechtigten Beziehung nach dem Motto: Leben und Leben lassen.

Brauche ich das Gefühl, alles selbst bestimmen zu wollen und zu können? Dann sehne ich mich nach jemanden, der sich unterordnet. Das tönt negativ muss aber keine Qual für den Partner sein, wenn er sich dabei wohlfühlt.

Nun ist jedem dieser Beziehungstypen eine andere Art die Beziehung zu beginnen zugeordnet.

Praxistest. Dominanz.

Ist jemand dominant, so empfiehlt sich folgende Vorgehensweise. Diese Art des Vorgehens wird von einem Partner, der sich nicht unterordnen möchte automatisch abgelehnt:

Heute Abend hatte ich mehrere Anrufe. Von einem möchte ich hier erzählen. Immerhin ist es Freitag. Ausgang ist angesagt. Ich sitze hier in einer Kneipe im Bernerischen und schreibe stattdessen. Das konnte die Anruferin aber nicht wissen.

Date-Anfrage.

Sie wollte in Ausgang. Etwas spät, um etwas abzumachen. “Ich habe keine Zeit”, sagte ich. Sie redete weiter, erzählte von sich und fragte, wie mein Tag war. Sie wollte wissen, wo ich bin. Ich ging nicht darauf ein.

Widerstand setzen.

“Ich kann nur wiederholen. Ich habe keine Zeit.” Ich gab ihr den Rat doch mit jemand anderem in den Ausgang zu gehen. Sie lehnte ab und versuchte, mich auf einen anderen Tag festzulegen. Ich gab mich stur. “Schau”, sagte ich. “Ich möchte ehrlich sein. Ich gehe zweimal die Woche abends weg. Bei mir bist du die aktuelle Nummer Neun in der Warteliste. Das heißt, dass ich bei zwei Dates die Woche mit dir frühestens Ende Dezember weggehe.” Stille am anderen Ende der Leitung.

“Gehst du mit einem anderen Kerl weg, so bist du sicher seine Nummer eins. Das ist eine einfache Rechnung!” Es war weiter still. Sie besann sich. Sie beharrte darauf. “Ich möchte aber mit keinem anderen weggehen.”

Ich entgegnete: “Ich habe kein Interesse. Woher hast du eigentlich meine Telefonnummer?”, wollte ich wissen. Sie meinte von einer Freundin. “Wenn du es bei mir ins erste Date schaffst, bringt dir das nichts. Bist du auf einer Skala von 1 bis 10 eine perfekte 11,5 für mich, bedeutet das noch lange nicht, dass du es bei mir ins zweite Date schaffst.”

Sie begann von sich zu erzählen. Ich beschloss, die Sache abzukürzen. “So wie du dich jetzt am Telefon gibst, hast du nie eine Chance bei mir ins zweite Date zu kommen. Ich bin abends müde und mag es, wenn mir das Date von sich erzählt und lustig ist. Das kann ich mir bei dir nicht vorstellen. Also überlege dir einfach die ganze Sache noch mal. Es gibt genügend Kerle, die sicher froh wären, wenn du dich bei ihnen meldest.”

Mit einem “Ich habe leider keine Zeit” legte ich auf.

Eines ist klar. Ein Partner, der eine gleichberechtigte Bezieung sucht oder dominant ist wird niemals diese Art des Verhaltens tolerieren. Ein Partner, der sich gerne unterordnet wird diese zugegebenermaßen sehr arrogante Art der Behandlung hinnehmen und sich noch dabei wohlfühlen.

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans ist Hans John (@rafaelofirst) auf Twitter und Hans.John.16 auf Facebook. Hans bloggt auf www.johntext.de und www.tage-bau.de.

Glück bedeutet innehalten und entscheiden von Hans-Jürgen John

Es passiert oft. So oft, dass wir einen Moment innehalten sollten. Die Zeit ist schnelllebig. Informationen, Impressionen, Menschen und Geschehnisse huschen an uns vorbei.

Meist werden wir uns erst bewusst, dass wir etwas verpasst haben, wenn der richtige Augenblick vorüber ist, auf die Bremse zu treten, Stillstand herbeizuführen und uns mit dem zu beschäftigen, wonach wir alle suchen: Glück.

Es ist vergleichbar mit der Verkehrssituation auf einer Bundesstraße. Wir sind mit mäßiger Geschwindigkeit unterwegs. Gerade so schnell, dass wir uns nicht mit Betrachtungen der Landschaft aufhalten. Unser Blick geht nach vorne. Sicherheit ist oberstes Gebot. Zumal wir oft nicht nur für uns selbst, sondern auch für Mitfahrer verantwortlich sind.

Dann kommt uns dieses graue Allerweltsauto entgegen. Zunächst beachten wir es kaum. Wozu auch? Autos auf einer Bundesstraße sind üblich. Wir tolerieren jede Marke, jede Farbe und jede Auspuffgröße. Eben auch, weil wir auf Toleranz uns gegenüber auf der Gegenseite hoffen, hoffen dürfen – oder zumindest Ignoranz.

Auch Aussagen über PS-Stärken und Geräuschpegel sind uns egal. Die Zulassungsstelle wird schon richtig entschieden haben. Dieses graue Allerweltsauto interessiert uns je näher wir ihm kommen. Unsere Geschwindigkeiten addieren sich. Es bleibt wenig Zeit sich gegenseitig ausgiebig zu betrachten. Und doch ist da so etwas wie der Funke der Sympathie, die überspringt. Je näher wir uns kommen, umso schöner springt der Sekundenzeiger in die nächste kleine Zeiteinheit. Die Zeit scheint stillzustehen, als wir uns auf gleicher Höhe begegnen und wir für einen Sekundenbruchteil Sichtkontakt zum Lenker haben.

Es ist vorbei. Wir sind wieder allein auf der Strecke. Im Rückspiegel sehen wir, wie kurz das Bremspedal aufleuchtet. Aus einem Reflex heraus treten wir ebenfalls auf die Bremse.

Eine Begegnung im Nirgendwo, die zu einem gemeinsamen Lebensweg führen könnte? Augenblicke dehnen sich unter Abwägungen. Ist hinter uns ein Wagen? Dürfen wir anhalten? Sind wir schon mit einem Partner unterwegs? Haben wir die Kraft einer fremden Person zu vertrauen? Ist uns das berufliche Lebensziel wichtiger als das Innehalten und das Glück?

Wir müssen schnell entscheiden. Wir sind auf der Zeitschiene unterwegs. Zeit ist Geld und nicht nur ein Spruch. Was ist uns wichtig im Leben? Wenn wir schnell entscheiden, können wir wenden, die eingefahrenen Trampelpfade des Alltags verlassen und uns mit dem beschäftigen was vielen als einziger Sinn im Leben gilt, die Zweisamkeit. Dann siegt die Vernunft. Wieder einmal.  Der Preis des Glücks ist zu hoch.

© 2013 Hans-Jürgen John

 
Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.
 

Wie man liebt (6) v. Hans-Jürgen John u. M. Becker

Wie man liebt (6)

Nur das Beste für die Beziehung?

Verliebt! Und nun? Kluge Menschen schreiben und reden über Liebe, Vertrauen und Ehrlichkeit in der Beziehung. Wunderschöne Worte, die oft wenig mit der täglich gelebten Realität zu tun haben. Die Zielsetzung ist klar. Das Ergebnis soll die ideale Partnerschaft sein, in der alles Negative wie weggezaubert existiert.

Im realen Alltag begegnen sich zwei Menschen mit Eifersucht, Lügen, Vorhaltungen und beurteilen sich laufend gegenseitig, um im Fall eines Streites die Oberhand zu behalten.

Wir wollen Zeit gewinnen. Wir wollen Recht behalten. Und wir sagen nein. Wir wollen so wenig Kompromisse wie möglich eingehen. Ja sagen bedeutet Schwäche zeigen und nachgeben. Ja sagen, damit kein Stillstand entsteht. Ja sagen, damit es weiter geht. Ja sagen bedeutet mitunter auch den falschen Weg akzeptieren.

Wir möchten von den positiven Seiten einer Beziehung profitieren aber die Forderungen der anderen Seite der Münze ignorieren: Die Verantwortung für den anderen wiegt uns schwer. Die geopferte Zeit und die investierten Gedanken und Gefühle lassen sich in keiner Steuererklärung aufführen. Wie schade. Doch die Liebe gibt es nicht ohne den Liebeskummer. Das Lachen gibt es nicht ohne die Tränen. Das Glück gibt es nicht ohne den Schmerz. Die Gesundheit wäre alleine ohne die Krankheit. Es gilt, alles zu akzeptieren.

Den Partner schonen?

Alle Ratgeber kommen mit den üblichen Ratschlägen daher. Anfangs hat man spontan, lustig, redegewandt und schlagfertig zu sein. Man stellt dem Partner Fragen, um herauszufinden, was er möchte und um sich richtig verhalten zu können. Es gilt, wenig von sich und seiner Vergangenheit zu erzählen. So verschont man den anderen und hebt sich die Katastrophen aus der Lebensgeschichte für später auf. Es fällt leichter später ehrlich zu sein, wenn man weiß, der andere ist schon an der längeren oder kürzeren Leine des Verliebtseins. Offenheit nach einer Zeit der Zweisamkeit bedeutet somit nicht gleichsam das Ende der Partnerschaft.

So glänzen wir also weiterhin vom ersten Satz an nicht mit der rissigen Oberfläche unserer Vergangenheit, sondern tragen die hochglanzpolierte, aalglatte, lächelnde Selbstsicherheit zur Schau, die ein ruhiges Gewissen verleiht. Wir lügen. Das ist falsch.

Ehrlichkeit und Vertrauen

Wie soll aus Liebe Vertrauen erwachsen? Ist das Fundament der Liebe mit Lügen gezimmert, kann es das Vertrauen nach mehreren Jahren der Partnerschaft kaum tragen. Erwachsen aus dem Stamm des Baumes der Liebe keine Vertrauensäste, so wird der Baum weder Blätter noch Früchte tragen. Es entstehen kaum weitere Bäume der Liebe.

So geht in Euch, Ihr zukünftigen Liebenden. Vertraut Eurem Date beim ersten Treffen alles an, was Ihr an Problemen all die Jahre angesammelt habt. Ist Euer Gegenüber ein Mensch, den Probleme nicht einschüchtern, sondern anregen diese gemeinsam mit Euch zu lösen, so seid Ihr angekommen.

Jeder Mensch ist auf der Suche. Nach dem einen, richtigen Partner unter Millionen. Lügen und verschweigen wir gleich eingangs, so verlieren wir wertvolle Zeit. Bis die Lügen über die eigenen, kurzen Beine stolpern. Und wir – wieder einsam – erkennen, wir haben uns geirrt und der Partner ebenfalls. Und so beginnen wir unsere Suche von vorne oder resignieren. Möge die Ehrlichkeit siegen. Sie ist zusammen mit der Liebe das Fundament, auf dem sich Vertrauen bilden kann. Das Geheimnis jahrzehntelanger oder lebenslanger Partnerschaft!

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

 

Jeder kann ein Held sein! von Hans-Jürgen John

Was haben Sylvester Stallone, Chuck Norris, Will Smith, Steven Seagal, Bruce Willis und Jean-Claude van Damme gemeinsam? Klar, sie machen Filme, sind populär und bekannt wie die berühmten bunten Hunde. Für unsere Unterhaltung retten sie immer wieder mal ihre Ehre und Menschenleben. Sie bewahren ganze Städte vor der Willkür von Terroristen und retten sogar die Welt vor Zerstörung und Vernichtung.

Doch schalten wir den Fernseher ab oder verlassen wir das Kino, sind sie ausgeblendet. Wir sind wieder in unserer Welt, unserer Wirklichkeit, in der diese Helden der Leinwand nur Filmschauspieler sind und womöglich in ihrem ganzen Leben nicht einen Menschen vor dem Tod gerettet haben. Helden der Leinwand.

Wer möchte nicht selbst einmal ein Held sein, Großes vollbringen und sich aus dem Alltag hervorheben? Doch wie soll das gehen, ohne den Beruf zu wechseln und Feuerwehrmann, Arzt oder Polizist zu werden?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass es weltweit circa 1 Million Selbsttötungen pro Jahr gibt. Die Zahl der Suizidversuche wird 10 bis 20 mal höher eingeschätzt. Quelle: Wikipedia

Wo liegen die Gründe? Die existenziellen Grundbedürfnisse sind zumindest hier in Europa weitestgehend gedeckt. Die meisten Menschen hier haben Wohnung, Essen und Kleidung. Der Kampf ums tägliche Brot ist kein Kampf mehr wie vor Jahrzehnten und Jahrhunderten und Jahrtausenden. Die Dinge, die unseren Lebenswillen täglich herausfordern und trainieren sollen fallen weg.

Wir sind zu Menschen auf der Suche nach dem Sinn geworden. Die einen finden ihn im Glauben, die anderen in der Liebe zu einem Partner, den dritten genügt die Sorge um die Familie, um die eigene Existenz jeden Tag von Neuem zu bejahen. Wieder andere sind sich selbst genug und kämen nie auf die Idee dem Tod die Arbeit abzunehmen und an sich selbst Hand anzulegen.

Und doch kann jeder von uns so einfach seinem Leben eine Wendung, einen Sinn geben, wenn die Probleme überhand zu nehmen drohen und wir nicht weiter wissen und wollen.

Die Menschheit hat sich auf diesem Planeten nur aus einem Grunde gegen die anderen Arten durchgesetzt. Menschen haben die Möglichkeit Mitgefühl zu empfinden. Anderen zu helfen gibt vielen mehr Lebensqualität, als wenn sie nur sich selbst als Gegenüber hätten.

Nun gibt es jedes Jahr in Deutschland circa 10.000 Fälle von Leukämie. In vielen Fällen hilft nur noch eine Knochenmarkspende. Es ist sehr leicht, sich registrieren zu lassen. Infos bietet zum Beispiel in Deutschland die “DKMS” an. In der Schweiz bietet diesen Service Die Stiftung zur Förderung der Knochemarktransplantation an.

Wenn sie also auf der Suche nach einem Halt im Leben sind, wäre das eine Möglichkeit ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie können mit einfachsten Mitteln das Leben eines Menschen retten! Damit stellen sie die ganzen Filmstars auf der Leinwand in den Schatten. Ist bekannt, welcher von den Genannten sich als Knochenmarkspender registrieren ließ?

Es gibt nichts schöneres, als anderen Menschen zu helfen! Als Bruder eines Selbstmörders würde ich mir nie das Leben nehmen, denn ich weiss, wie viel Leid damit über die Angehörigen kommt. Entdecken Sie das Potential in sich anderen zu helfen. Es gibt viele Möglichkeiten Gutes zu tun. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

Entschuldigung!

Es gibt Menschen, die machen andere fortwährend für ihr Scheitern im Leben verantwortlich. Es ist sehr viel leichter, als an sich selbst etwas zu ändern. Das Ich darf nicht in Frage gestellt werden. Das Ego könnte ja einen Kratzer bekommen. Neben dem Lack unseres liebsten Kindes – dem Auto – glänzen wir nach aussen am liebsten mit unseren Vorzügen. Mehr Schein als Sein?

Und doch sind wir unter der Oberfläche ängstliche, hungrige und verzweifelte Menschlein. Wir leben in ständiger Furcht vor dem Aussergewöhnlichen, das unser Leben über den Haufen werfen könnte. Wir sind hungrig nach Anerkennung und Aufmerksamkeit – nur so lässt es sich erklären, dass es Nobelpreisträger und Bankräuber gibt. Die einen erreichen Aufmerksamkeit gesellschaftlich akzeptiert und die anderen können und wollen nur im Negativen teuflisch glänzen. Und verzweifelt müssen wir erkennen, dass die Jahre vorüberziehen, ohne dass wir die Liebe oder das Glück mehr als temporär für uns interessieren können. Wie gut, dass es da die Möglichkeit gibt sich zu entschuldigen.

Wie sagt man Entschuldigung? Das kennt nun jeder. Wir rempeln auf der Straße unabsichtlich jemanden im Gedränge an und sagen durch “Sorry” oder “Entschuldigung”, dass es keine Absicht war.
“Entschuldigung” ist ein Wort. Genauer gesagt ein Substantiv.
Doch es ist viel mehr als das. Wir benutzen es als Schild gegen eine womöglich heftige Erwiderung unseres Gegenüber: “Sie blöder Kerl, alle meine Einkäufe liegen jetzt herum. Können Sie nicht aufpassen?”
Und je mehr und öfter wir uns am Tage entschuldigen müssen, umso leichter geht sie uns von den Lippen – die geduldige Allzweckwaffe. Ja, wir nutzen sie als Mittel, um unsere Mitmenschen uns gewogen zu machen. Jemand, der sich entschuldigt, kann kein schlechter Mensch sein.

Es beginnt im Kindesalter. Zufällig spiele ich mit dem gelben Schaufelbagger meines Freundes, als dieser kurz abgelenkt ist. Um eine Szene zu vermeiden, präsentiere ich den gelben Bagger auf ausgestreckter Handfläche und sage mit meinem schönsten Lächeln: “Gehört der Dir?” So geht es in einem fort.

Vor Gericht zeigt es Wirkung, wenn wir Reue zeigen und uns beim Opfer entschuldigen, sofern es noch am Leben ist. Das drückt das Strafmass für gewöhnlich. Entschuldigungen gelten als Reaktion auf eine von uns verursachte Aktion. Fast könnte man meinen, es ist ein Reflex geworden, sich durch Entschuldigungen von schuldhaftem Verhalten – unabsichtlich oder absichtlich loszusagen.

Manchmal plappern wir darauf los: “Du hast aber einen schönen Pullover. Hast Du den zu Weihnachten geschenkt bekommen?” Und schon sitzen wir mitten im Fettnäpfchen. Indirekt haben wir nämlich gesagt, der Pulloverträger hätte keinen guten Geschmack und der Pullover wäre nur deshalb so schön, weil er von anderen gekauft wurde. Hier kommt nun die Intuition ins Spiel. Bemerkt der andere das schräge Lob nicht als solches, würde eine Entschuldigung ihn nur auf unseren Fehltritt aufmerksam machen. Also halten wir lieber die Klappe und wechseln das Thema.

Wir können Entschuldigungen variieren. Das reduziert die Auffälligkeit wenn wir uns oft dieser Entschuldigungen bedienen. “Entschuldige vielmals.” “Ich muss mein Verhalten entschuldigen.” “Pardon.” “Verzeihung.”

Wenn wir um Verzeihung bitte, haben wir richtig Mist gebaut. Wir haben jemanden tief verletzt. Fremde, Freunde, Lebenspartner. Sind es Menschen, die uns nahe sind, so wiegt eine Verletzung doppelt schwer. Wir kennen sie und ihre Stärken und Schwächen und müssten eigentlich wissen, wie wir uns zu verhalten haben. Trotzdem haben wir ihnen wehgetan. Um Verzeihung bitten, reicht da nicht. Eine ausführliche Erklärung muss her. Nun beginnt die ehrlich gemeinte Schilderung der Ereignisse. Warum habe ich mich falsch verhalten? In welcher Lebenssituation war ich? Wie soll es weiter gehen?

Es gibt wohl Ereignisse, die nicht umkehrbar sind und daher nicht entschuldbar. Wenn großer Schaden entstanden ist oder Menschen umkamen, sind Entschuldigungen bei den Geschädigten oder den Hinterbliebenen der Opfer angebracht. Verzeihung kann kaum aufgebracht oder gewährt werden. Es gibt auch Fälle, in denen der Schadensverursacher selbst seine Handlung so gravierend einschätzt, dass er diese Schuld durch Selbstmord tilgen möchte. Das hieße, einen Fehler mit einem anderen ausmerzen zu wollen. Unnützes und unfaires Verhalten gegenüber den Mitmenschen und eigenen Angehörigen.

Und doch ist ein hochfrequentes Entschuldigungsverhalten ein Indiz, dass ein Mensch einfühlsam ist und es gerne harmonisch hat. Auf die Glaubensebene übertragen fühlen wir uns wie der Sünder im Beichtstuhl beim Priester. Wir möchten Absolution und Vergebung. Und wir sind glücklich, wenn wir sie gratis serviert bekommen. Und die Glaubensvertreter sind froh, wenn sie vergeben dürfen.
Was würde wohl geschehen, wenn wir alle Entschuldigungen abschaffen? Einfach so. Nur für einen Tag. Überall auf der Welt. Wären wir ohne diese allgegenwärtigen Verhaltenspuffer bessere Menschen? Wir müssten darauf verzichten, unser Verhalten entschuldigen zu können. Das heißt, wir würden aus Angst anzuecken und Aggressionen oder Konflikte auszulösen unser Verhalten konformistisch anpassen.

Was sind wir ohne Entschuldigungen? Vorsichtige und ängstliche Wesen, die vorausschauend durch das Beziehungsleben fahren und an jeder roten Ampel halten. Wir könnten kein Bedauern bei Fehlverhalten ausdrücken. Jedes falsche Wort wäre eine Wunde, die wir unseren Mitmenschen zufügen, ohne sie mit einem “Sorry” heilen zu können.

Was würde uns das zeigen? Die riesige Bedeutung dieser vierzehn Buchstaben und unsere Abhängigkeit vom Wohlwollen unserer Mitmenschen.

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

Vorwärts fahren und in den Rückspiegel schauen! von Hans-Jürgen John

Ich bedauere sehr, dass ich nicht schon als Kind Tagebuch geschrieben habe. Zum einen hätte ich dann all die Geschehnisse, die zu mir und meinem Leben gehören en détail parat.

Zum anderen stelle ich mir vor, dass so manche Konfliktsituation in der Eltern-Kind-Konstellation sich leicht entschärfen ließe. Eltern lesen die Tagebücher ihrer Kinder und können so behutsam Schwerpunkte in der Erziehung anpassen. Nicht? Wie sollen sie dann wissen, welche Probleme ihr introvertiertes Kind beschäftigen? Geht hier die Privatsphäre oder der Schutz des Kindes vor? Letzteres.

Die schwierige Lebenssituation, in der beide Elternteile arbeiten (arbeiten müssen, weil ein Lohn kaum ausreicht, um die Familie zu ernähren) und ihre Kinder (sogenannte Schlüsselkinder) nach Hause kommen und alleine das Essen zubereiten oder gleich zu Mac Donalds gehen lässt wenig Spielraum für Experimente. Diese Kinder werden früh selbstständig. Die Gefahr, dass sie mangels Anleitung und Beschäftigung in schlechte Gesellschaft kommen ist gleichwohl hoch.

Sind beide Elternteile zu Hause, wenn die Kinder von der Schule kommen, ist dies auch nicht der Idealfall. Komplette Supervision und Anleitung den ganzen Tag hindurch verhindert, dass solche Kinder selbstständig werden.

Der ganze Tagesablauf wird mitunter überregelt. Ein solches Kind war ich.”Autoritär behütet” bin ich aufgewachsen. Dieser Begriff trifft meine Kindheit am ehesten. Ein Kind trägt schwer an autoritärer Strenge. Wie will es verstehen, dass es zu Hause über Büchern sitzen muss, während die Spielkameraden hinter dem Fußball hinterherjagen oder am Baggersee die Seele baumeln lassen? Und welchen Zweck soll es haben, über Büchern zu sitzen aber mit den Gedanken bei den Freunden in der Freizeit zu sein? Keinen.

Und doch bin ich meinem Vater dankbar. Ich bin kein oberflächlicher Typ geworden. Zu viel Tiefgang schadet nur in seichten Gewässern. Auf hoher See bringt hoher Tiefgang Stabilität ins Schiff und Sicherheit bei gewagten Manövern. Die Navigation in schwerer See fällt mir mitunter leichter als anderen. Schicksalsschläge drücken mich tief und belasten jeden Lebensmoment aber lassen mich nicht ertrinken. Ich bin stabil nach innen und labil nach außen. Umgekehrt wäre es schlimmer.

Immer wieder muss ich an die Aussagen meines Vaters denken. Er lebt weiter durch sie. Über die Schule meinte er immer und immer wieder: “Was Du gelernt hast, kann Dir niemand nehmen.” Als ich schon älter war, mussten wir einen Aufsatz über den Sinn von Sprichwörtern schreiben. Ich kam zu dem Ergebnis, dass sie zu allgemein gefasst seien, als das sie ungeprüft auf jede scheinbar passende Situation angewendet werden könnten. Und doch wären sie eine große Hilfe für jene Menschen, die steuerlos im Lebensmeer treiben und jede Boje als Rettungsinsel und Verschnaufpunkt sehen.

Die Aussagen meines Vaters waren situationsbezogen und nicht immer ernst gemeint. Tat ihm jemand einen kleinen Gefallen, so sagte er schalkhaft: “Gott wird Dir danken.” War es bei ihm an der Reihe etwas für andere zu tun, meinte er danach augenzwinkernd: “Mit einem Danke kann ich meine Kinder nicht verhalten.”

Auch zu Geschenken hatte er seine Meinung. “Nichts nehmen und nichts geben.” Ein um das andere Mal wiederholte er das, vor allem in der Vorweihnachtszeit. Geschenke waren für ihn ein Mittel, um Menschen sich gewogen zu machen, also überflüssig.

Wenn ich so zurückdenke, haben mir seine Aussagen so manches Mal geholfen. Mein Verhalten wurde davon beeinflusst. Immer nur nach vorne zu schauen ist nicht nur im Straßenverkehr gefährlich. Oft hilft der Blick zurück in die Vergangenheit und die Frage: Wie hätte sich meine Mutter / mein Vater in dieser Situation verhalten?

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

 

 

Wegweiser durchs Leben

Wir beginnen jeden neuen Tag in der Gegenwart. Und wir nehmen jeden Tag ein wenig Erfahrung und Wissen und Ratschläge aus dem Erlebten in die nächsten Tage mit. Wir lernen. Ob wir es wollen oder nicht. Einen Teil des Erlebten dürfen wir vergessen, indem wir schlafen und Geschehnisse verarbeiten und am nächsten Morgen sind nur die wichtigsten Erinnerungen in unserem Bewusstsein parat, um uns durch die Anforderungen in Beruf und Privatleben zu schleusen.

Die wohl wichtigsten Bezugspersonen eines Menschen sind seine Eltern. Als Kind verbringt er viel Zeit mit ihnen und ahmt die Verhaltensweisen der Eltern nach und wird von ihnen geprägt.

Nun begegnen uns im Leben vielerlei Situationen. Wieso verhalte ich mich so, wie ich mich verhalte? Unverwechselbar. Als würde ich unsichtbaren Wegweisern und Hinweisschildern folgen. Ich stelle mir vor, dass meine Eltern diese Wegweiser oder Lebenshilfen in der Hoffnung aufgestellt haben, dass ich mich zur rechten Zeit ihrer erinnere.

Vor allem mein Vater hatte diese Art, von ihm erprobte Verhaltensweisen in kurze Sätze zu packen und sie bei passenden Gelegenheiten wieder und wieder vorzutragen. So war seine Sicht auf Frauen zwiespältig. “Eine schöne Frau gehört Dir nie alleine”, pflegte er zu sagen, wenn es in einer Fernsehserie um Liebe, Streit, Eifersucht und Seitensprünge ging. Aus heutiger Sicht versuche ich mir vorzustellen, dass er dies sagte, um mir auf dem weiteren Lebensweg zu helfen. Ich muss dazu sagen: Meine Eltern wurden nie geschieden.

Schöne Frauen sind bei den Männern begehrt. Mit einer unattraktiven Frau zusammenzuleben erhöht demnach – um es zu Ende zu denken – die Chance – mangels Konkurrenz – noch nach Jahrzehnten mit der gleichen Partnerin zusammen zu sein. Solchen Sprüchen zu folgen, ohne sie zu hinterfragen, kann aber auch in der Sackgasse Einsamkeit oder Unglücklichsein enden.

“Verliebe Dich nie in eine reiche Frau.” Dieser Satz alleine macht wenig Sinn, ohne meinen Vater und seine Ansichten zu kennen. Er war der Ansicht, dass eine Heirat, um den sozialen Status zu verbessern überflüssig sei. Der männliche Part würde von seiner Ehefrau abhängig und da sie immer denken müsste, ihr Partner habe sie aus finanziellen Gründen gewählt, sei die Verbindung im vorne herein mit einer Sollbruchstelle versehen und zum Scheitern verurteilt. Das hört sich rational an und es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Gefühle sich vom Verstand steuern lassen (sollten). Immerhin zeigt die Erfahrung, dass es viele glückliche Beziehungen auch mit grossem finanziellen Gefälle gibt.

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

Spurensuche von Hans-Jürgen John

Eine Gnade und Möglichkeit, die vielen Vertriebenen zu Lebzeiten verwehrt blieb, war die Reise hinter den Eisernen Vorhang in die frühere Heimat. Ich begleitete meinen Vater Richard John nach Polen Jahre, nachdem West- und Ostdeutschland wiedervereint waren.

Es war teils eine Reise in die Vergangenheit – wir trafen eine alte Frau an, die in einer Hütte neben dem Elternhaus meines Vaters lebte und ihn aus ihrer gemeinsamen Jugendzeit kannte. Und es war teilweise eine Reise zu unveränderten und ihm vor nahezu 60 Jahren bekannten Gegebenheiten wie Pferdefuhrwerke auf mitunter unbefestigten Straßen.

An der Stelle des Elternhauses meines Vaters war ein anderes Gebäude errichtet. Scheu winkten die Bewohner aus den Fenstern uns zu. Sie wussten nicht, wer wir waren und wir drängten uns nicht auf. Es beschäftigte meinen Vater sichtlich. Die Vergangenheit hielt mit ihm Zwiesprache. “Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre ich wohl noch immer hier”, sagte er und ließ den Blick wandern zum Waldrand und über die Felder, die abgeerntet waren. Und es war nicht sicher, ob er traurig darüber war oder nicht.

Mein Vater war noch mehrmals in Polen. Er traf dort Verwandte und Bekannte. Eine Reise in die Vergangenheit, wenn die Zukunft im längst erreichten Rentenalter Zeit zur Besinnung lässt und die Erinnerung mit der Gegenwart zusammenfließt.

Ich erinnere mich an Ferien in Lodz mit Nachkommen früherer Nachbarn meines Vaters. Fröhliche und aufgeweckte Menschen, die von den Schatten des Krieges und Geschichten darüber wenig wissen möchten und in die Zukunft schauen. Und das ist gut so.

Doch wie kann man anders weiter Krieg verhindern, wenn man nicht über ihn redet? Ihn, der sich in der Menschheitsgeschichte mit Gewalt, Gräuel, Mord und unendlichem Leid festgeschrieben hat und es über die Jahrtausende immer wieder schafft, neue Täter und Opfer hervorzubringen. Doch kehren wir die Tatsachen nicht um. Die Menschen sind es, die sich seiner bedienen und nicht umgekehrt. Und so ist es nur folgerichtig, wenn sie unter seinen Folgen leiden. Vielleicht gewinnen sie nur so die Energie, um sich von ihm immer wieder zu distanzieren?

Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre mein Vater nicht verwundet worden, wäre er nicht aus Polen vertrieben worden, hätte er meine Mutter nicht getroffen, wäre ich nicht geboren worden.

Wäre ich nicht geboren worden … sicher hätte ich das verkraftet, wenn es den Krieg dafür nicht gegeben hätte. Was wäre wenn … .

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

 

Identität und Stammbaum von Hans-Jürgen John

Ja mein Vater. Geboren wurde er im Jahr 1920. Er war das einzige Kind seiner Eltern. Ich weiß bis heute nicht, woher mein Nachname John genau kommt. Der Ehemann meiner Grossmutter väterlicherseits fiel bei Arbeiten am Hausdach in Mogilno (Kreis Sieradz) – eines dieser Dreihäuserdörfer – herunter, so heißt es, und verstarb. Ich weiß nichts Genaues. Ich hätte ihn gerne gekannt, so wie andere Kinder ihre Großväter kennen und von ihm gelernt. Ich hätte gerne mehr erfahren über diesen Mann und sein Leben und seine Sicht auf andere Menschen. Über die Güte, die man im Alter oft ausstrahlt. Und über die Ruhe und geduldige Weisheit, die man am Gipfel des Lebens erlangt.

Landwirtschaft zu Hause und das einzige Kind! Damit war klar, dass es für meinen Vater keine Zeit gab, um eine ausgedehnte Schulbildung zu erlangen. Wozu auch? Der Abstand zwischen den Kriegen war damals so kurz, dass eine Zukunftsplanung sowieso kaum großen Sinn machte (Erster Weltkrieg 1914/1918; zweiter Weltkrieg 1939/1945).

So waren die Gespräche zu Hause in Deutschland in meiner Kindheit keine Diskussionen zu politischen Themen oder tiefgründige Gespräche über bedeutende Literatur und Kunst. Der Alltag war unser Thema. Und oft reduzieren einfache Menschen ihre Erfahrungen auf Merksätze, Halteseile für ihre Kinder auf dem Weg durchs Leben. Einige dieser Ratschläge sind mir im Gedächtnis geblieben, andere entfallen. Mein Vater sagte oft: “Schaue nicht nach dem Geld. Es kommt und geht.” Er meinte vor allem die Menschen, die Glück mit Erfolg verwechseln und lieber die Karriere verfolgen, anstatt sich abends um Frau und Kinder zu kümmern und die Trennung und Scheidung zu riskieren.

Einmal erzählte mein Vater von einer alten Zigeunerin, die ihm vor Jahrzehnten aus der Hand gelesen hätte. Sie hätte ihm gesagt, er werde heiraten und vier Kinder bekommen. Ich lachte damals und meinte: “Da habe ich ja Glück gehabt. Hätte sie zwei Kinder vorausgesagt, wäre ich nicht hier.”

Heute möchte ich hinzufügen: Es wäre mir auch viel erspart geblieben. Das Leben ist wie ein Stück Rauchfleisch. Es ist durchwachsen. Man bekommt selten ein Stück ohne Speck. Und wehe es ist nur mager Fleisch daran und darin – manche mögen den Speck lieber.

Ja bis heute weiss ich nicht, ob meine Eltern vier Kinder bekamen, weil die Zigeunerin hellseherische Fähigkeiten hatte oder weil sie einfach daherredete, um etwas zu verdienen.

Egal. Ich danke ihr. Wie vielen anderen mag die alte Zigeunerin zu Nachwuchs verholfen haben und ob ihr Rat immer Glück und Erfüllung gebracht hat?

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.

Wegkreuzungen von Hans-Jürgen John

Mein Vater hatte diesen Ausweis, mit dem man sein Auto an Behindertenparkplätzen abstellen konnte. Er war zu 100 Prozent schwerkriegsbeschädigt.

Als Hitler seinen Kriegsfeldzug damit begann, dass er Polen überrannte, wurde mein Vater zusammen mit seiner Mutter davon überrascht. Er war gerade 19 Jahre alt. Sie hatten eine kleine Landwirtschaft in Mogilno. Hitlers Truppen nahmen junge Polen gleich mit zum Russlandfeldzug. Mein Vater war dabei. In den Karparten wurde er dann verwundet. Er verlor sein linkes Bein, war auf einem Auge blind und hatte diese Splitter im Körper, die sich immer wieder über Schmerzen meldeten.

Mit der Beinprothese konnte er leidlich laufen. So fuhr er gern mit dem Auto. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an viele seiner Aussagen. Kamen wir an ein Wegkreuz – es gibt sie vor allem auch in Süddeutschland und mitunter mit dem Jesus daran – so pflegte er zu sagen: “Schau Hans, da haben sie Jesus schon wieder gekreuzigt.” Dieser Satz prägte sich mir ein. Ja, ich gab ihm recht. “Warum denn das?”, fragte ich mitunter. Und ich wusste die Antwort schon auswendig. “Das weiß niemand.”

Zur Erinnerung an das Leben und Wirken Jesu wird oft der Jesus am Kreuz dargestellt. Dabei bestand sein Leben nicht nur aus der Kreuzigung. Oft sind diese Kreuze gespendet und erinnern an Unfälle, Verbrechen oder einfach an gläubige Stifterfamilien.

Wir kommen im Leben an vielen Kreuzungen vorbei. Jede Entscheidung lenkt unser Schicksal und beeinflusst unseren Weg. Dabei sind die Auswirkungen von Entscheidungen nicht immer sichtbar. Im Zweifelsfall müssen wir tun, was uns richtig erscheint. Seltener wechseln wir die Location, unseren Lebensmittelpunkt. Doch auch das muss manchmal sein. Und so hilft uns bei diesen Entscheidungen der Blick zurück in die Vergangenheit.

© 2013 Hans-Jürgen John

Hans-Jürgen John ist auf Twitter, auf Facebook und bloggt u.a. auf Johntext Schweiz.