Das Märchen vom nützlichen Pferd (3) von H.-J. John

Der Kaufmann ging neugierig näher. Er war viel in Geschäften unterwegs und hatte schon viele Pferde gesehen. Neugierig schaute er zum Boxenfenster hinein und fuhr zugleich erschrocken zurück. Das Pferd hatte ihn kaum erblickt, als es mit angelegten Ohren und geblecktem Gebiss auf ihn zuschoss. Der Kaufmann konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen.

“Das, das …das ist kein Pferd, das ist eine Bestie…haben sie das gesehen? Es wollte mich beissen. Bekommt es nicht genügend Futter?”

Der reiche Mann lächelte vergnügt. “Jetzt weiss ich was an diesem Pferd so besonderes ist. Es frisst gerne Fleisch. Sehr ungewöhnlich. An ihnen ist ja wirklich nicht viel dran”, flachste er.

Der Kaufmann machte, dass er davon kam. Noch oft erzählte er die Geschichte vom Pferd, das gerne Fleisch ass und es auf ihn abgesehen hatte.
Der reiche Mann ging nachdenklich nach Hause. So hatte sich Freddie, der Hengst noch nie verhalten. Ob er wohl krank war?

Wochen vergingen. Der reiche Mann hörte vom Kaufmann nichts mehr. Die Bezahlung für ihren Handel hatte dieser eingesteckt. Die Gegenleistung aber war er schuldig geblieben. Der reiche Mann begann zu ahnen, dass er auf einen Betrüger hereingefallen war.

Freddie, der Hengst, hatte sich wieder beruhigt. Der reiche Mann ging zu seiner Pferdebox und streichelte ihn am Hals. “Jetzt weiss ich was so Besonderes an Dir ist. Du hast sofort gemerkt, dass der Kaufmann ein Betrüger ist und wolltest ihn deshalb beissen.” Der reiche Mann seufzte. “Hätte ich das nur vorher gewusst.”

© 2010 Melanie Sauter und Hans-Jürgen John

Das Märchen vom nützlichen Pferd (2) von H.-J. John

Das ist so. Die Pferde waren immer Freunde des Menschen. Sie haben ihm als Reitpferd in Kriegen gedient. Sie haben ihm bei der Ackerarbeit geholfen und als Pferd vor Kutschen gab es sie auch.

Der reiche Mann liebte also Pferde über alles. Dann hatte er sicherlich ein gutes Herz?

Das ist so. Doch lass mich weiter erzählen, sonst vergesse ich wie es weiter geht im Märchen.

Also der reiche Mann hatte zwölf Pferde. Immer wieder zeigte er sie seinen Freunden und Geschäftsleuten. Er gaubte, dass alle Welt Pferde gern haben müsse, weil sie so scheue, freundliche Tiere sind und niemandem etwas zuleide tun.

Eines Tages kam ein Kaufmann von weit her. Er wollte Geschäfte mit dem reichen Mann machen. Der reiche Mann lud ihn zu sich nach Hause ein und sie tranken so manches Glas Wein zusammen. Der reiche Mann wollte den Kaufmann näher kennen lernen, bevor er mit ihm ein Geschäft machte. Der Kaufmann hatte wenig Zeit und drängte. Widerwillig gab der reiche Mann schliesslich nach. Sie besiegelten ihr Geschäft per Handschlag, wie es damals unter Ehrenmännern üblich war. Nun lud der reiche Mann den Kaufmann ein, mit ihm die Pferde anzuschauen. Der Kaufmann zögerte. Er hatte bekommen was er wollte. Doch der reiche Mann liess nicht locker.

Sie gingen zusammen in den Pferdestall und der reiche Mann stellte dem Kaufmann seine Pferde einzeln vor. Das eine Ross konnte besonders gut springen. Das andere Ross war ideal für die Dressur und sogar ein/zwei Zirkuspferde waren dabei, die auf Kommando auf die Hinterfüsse gingen und dabei mit dem Kopf nickten. Endlich waren die zwei bei dem letzten Pferd angekommen. “Und was ist an diesem Pferd so besonders? Kann es sprechen oder die Zukunft vorher sagen?” Der Kaufmann glaubte einen guten Witz gemacht zu haben und wieherte vor Lachen. Die Miene des reichen Mannes verfinsterte sich. “Nein. Ich weiss nicht was an diesem Pferd so besonders ist. Es kann nichts. Es frisst nur den ganzen Tag und schläft die halbe Nacht. Es macht doppelt so viel Mist wie die anderen und wenn es wiehert, beschweren sich noch die Leute im nächsten Dorf.”

“Wieso verkaufen sie es dann nicht?”, fragte der Kaufmann und schüttelte den Kopf. “Das weiss ich nicht. Es ist so ein Gefühl. Ich werde schon noch herausfinden was an diesem Pferd so besonders ist.” Der reiche Mann schwieg.

© 2010 Melanie Sauter und Hans-Jürgen John

Das Märchen vom nützlichen Pferd (1) von H.-J. John

Es war einmal ein reicher Mann, der besass zwölf Pferde.

Aber ein Pferd genügt doch zum reiten. Wieso denn gerade zwölf?

Das hatte sich so ergeben. Nach und nach waren es mit den Jahren mehr geworden. Auch hatte Jesus ja zwölf Jünger gehabt und so glaubte der Mann manchmal an eine heilige Bedeutung der Zahl zwölf.

Manchmal?

Ja, mit dem Glauben ist das so eine Sache. Manche denken, dass etwas glauben nützlich sei und so leisten sie ihn sich wie einen Mercedes, obwohl sie auch in einem VW oder einem Fahrrad an ihr Ziel kämen.

Dann ist Glauben so etwas wie Luxus?

Luxus ist überflüssig und es gibt ihn doch. Ich denke nicht, dass der Glauben überflüssig ist. Ich kenne Menschen, die sehr viel Kraft für sich und andere haben, weil sie fest an Gott glauben. Der Glaube gibt ihrem Leben Sinn und Ziel. Andere aber glauben, weil sie denken dann besser geschäftlich voran zu kommen. Und wieder andere meinen es könne ja nicht schaden. Wenn es Gott gibt und man glaubt, dann ist man auf der sicheren Seite, später. Wenn es ihn nicht gibt, dann macht das auch keinen grossen Unterschied für die Leute, die nur so lala glauben.

Doch zurück zu unserem reichen Mann. Er liebte Pferde über alles. Er pflegte zu sagen: Sie sind so gross und in Wirklichkeit so klein.

Was meinte er denn damit? Etwas kann nicht gleichzeitig gross und klein sein.

Ich glaube, er meinte sie seien vom Körper her gross. Klein seien sie, weil sie nicht selbst für sich sorgen können. Früher schon, als diese Welt noch nicht vom Menschen dominiert war. Heute hat es ein wild lebendes Pferd sehr schwer. Überall gibt es Zäune, Strassen, Häuser. Wie will es da zurecht kommen so ganz alleine.

Dann ist es aber gut, dass sich die Menschen um die Pferde kümmern und sie pflegen und sie füttern.

© 2010 Melanie Sauter und Hans-Jürgen John