Der Schnorrer von H.-J. John

“Haben sie mir bitte ein paar Münzen”, sagte der Kahlköpfige und begleitete den Reisenden ein Stück seines Weges durch die Bahnhofshalle. Dieser beschleunigte seine Schritte, als sei er auf der Flucht oder wolle seinen Zug nicht versäumen.
Nur verneinend den Kopf schüttelnd, ging er nicht weiter auf die Hürde am Wegrand ein. Der Kahlköpfige wurde unruhig und die Metallstücke in seinen Ohren und seinem Gesicht klimperten leise. Geduld schien ihm nicht in die Wiege gelegt zu sein und er sah sein Bierfrühstück in Gefahr.
Leise, doch eindringlich und durchaus verständlich bemerkte er: “Du platzt ja gleich”, und er wiederholte es einige Male, als wolle er einen Vergleich zu sich selbst schaffen. Und er wiederholte es einige Male, bis die Schwingtüre zu Bahnsteig eins ihn dazu brachte abzulassen und sich einem der ankommenden Reisenden zu widmen, der den umgekehrten Weg hatte.
Die weibliche Durchsagestimme bat um Aufmerksamkeit. “Bitte beachten sie, dass das Rauchen im Bahnhofsgebäude untersagt ist.” Sie wiederholte sich. Der Kahlköpfige ging nicht in Form einer rechtsgeschäftslosen Verbringung unnütz zu seinem Ausgangspunkt zurück, sondern hatte gleich die nächste Gelegenheit wahrgenommen.

Der erste Verfolgte, ein gut zwei Metermann, der auch in der Breite nicht viel schenkte, anders als sonst üblich bei in die Länge geschossenen war ein gutes Stück kleiner geworden und ging gesenkten Kopfes seinen Weg. Am Abend kündigten die Nachrichten an, dass der neue Bahnchef die Essensausgabe der Bahnhofsmissionen in den Bahnhöfen stoppen wolle und so hoffe im gleichen Zug, die Obdachlosen und Bettler von dort zu verbannen.
Der Kahlköpfige wusste davon wenig und würde er es gewahr werden, konnte er immer noch zum nächsten Supermarkt ausweichen.
Er war es gewohnt, vertrieben zu werden. Zuerst aus Arbeit und Wohnung, dann auf der Strasse wo auch immer er gerade Sitzung machte. Das Leben ohne die Fesseln, die Ehe und Schulden und Familie und Arbeit für manche bedeuteten war ein freies und er genoss es solange es welche gab, die darauf neidisch waren und es ihm nicht gönnten und unter irgendwelchen abstrusen Vorwänden ihrer geordneten und durchregelten Welt darin eingriffen.

© 2010 Hans-Jürgen John

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.