Die guten Vorsätze für das Neue Jahr – oder – Wie das Gute gewinnt

Vor zwei Tagen habe ich mir das linke Knie angestossen. Ich schrie auf vor Schmerz. Ich konnte einige Minuten nicht auftreten. Ich bin kein Arzt. Ich fand heraus, dass es weiter geht, wenn ich das Bein steif halte, am Knie durchdrücken muss und so einigermassen schmerzfrei weiter meiner Wege gehen kann. Langsam eben, sehr langsam.

Mit der Abwesenheit der Hektik gehen auch die Gedanken anders. Tiefergehend vielleicht? Die Eindrücke wechseln langsamer und so entsteht vielleicht eine Art von Leerlauf im Gehirn? Ich weiss es nicht. Es beginnt sich, da unterfordert, selbst zu beschäftigen. Es springt von der Vergangenheit in die Zukunft und vom Wichtigen zum Nebensächlichen. Ein durchaus schönes Brainstorming entsteht.

Plötzlich ein Stopp: Das alte Jahr endet und das neue Jahr beginnt. Was wollte ich schon lange tun? Skifahren? In ein Musical! Im warmen Meer schwimmen? Das höchste Gebäude der Welt besteigen! Endlich die erste Million machen? Vielleicht sollte ich mal in kleinen Schritten beginnen! Jemanden in den Arm nehmen? Mich für irgendetwas belohnen! Jemandem mal tüchtig die Meinung sagen? Einen Bestseller schreiben! Einen Hund kaufen? Der würde sich dann wohl mehr um mich kümmern müssen, als ich um ihn! Jemanden treffen, den ich schon lange nicht gesehen habe? Mit dem Rauchen beginnen und dann wie letztes Jahr nach zwei Wochen aufhören, um zu zeigen, dass ich der Chef bin und nicht die Zigarette!

Vielleicht sollte ich gleich etwas tun, was ich mir schon zwei Jahre vornehme – und dieses Jahr wieder versäumt habe. Eine Geschichte schreiben über einen Vorgang, der mich erstaunt hat und beschämt. Eine Geschichte aus dem Leben. Und die Namen dazuschreiben. Wer wird sich schon darüber beschweren wollen, dass man ihn heilig spricht?

Wieso? Vielleicht habe ich die Nase voll von den schlechten Nachrichten. Wer will denn dem Pfarrer und dem Priester immer wieder zuhören, wenn sie von der Kanzel von den Sünden der schlechten Welt predigen und dann dankbar die Kollekte von den dann nicht mehr ganz so sündigen Gottesdienstbesuchern entgegen nehmen?
Welchen Zulauf hätten sie, die vor immer leereren Bänken predigen, würden sie ausdrücklich erwähnen wie Herr Schmidt der Frau Müller immer die Einkäufe tätigt. Obwohl er dazu sicher nicht verpflichtet ist. Obwohl die Frau Müller nicht sehr umgänglich ist, aber eben gehbehindert. Und wie interessant wäre eine Predigt, die alle Obwohls weglässt?

Welcher Pfarrer oder Priester macht den Anfang? Die, die doch das Gute predigen sollten. Wieso reden sie hauptsächlich über Verfehlungen? Tun sie uns Gutes, wenn sie immer nur ermahnen und den Erfolg kaum der Rede für wert erachten? Wer aus der Amtskirche ist mutig genug, es mit den schrecklichen Tagesnachrichten aus aller Welt aufzunehmen und uns unsere guten Seiten zu zeigen und uns dazu zu ermutigen dergleichen fortzufahren? Lasst uns loben und erwähnen, was wachsen soll. Lasst uns lieben, was nicht selbstverständlich ist und so fördern.

Und die Journalisten, die Zeitungsmacher? Muss es immer das Aussergewöhnliche sein? Ich habe selbst als Zeilenklempner neben dem Studium gearbeitet. In die Artikelüberschrift musste aus dem Bericht aus der Kirchengemeinderatsitzung der Einzeiler: Wieder mehr Taubendreck im Glockenturm. Hinterher kam ein Leser zu mir und meinte: „Musste das sein?“ Und ich entgegnete: „Der Redakteur hat so entschieden“.
Muss es immer das Negative sein? Nein, sicher nicht. Ein Motto aus der Ansage eines lokalen Radiosenders lautet: “I muss net alles wisse.“ Wie recht haben die Radiomacher doch. Aber haben sie das auch in dem Sinne gemeint, wie ich es verstehe und verstanden haben möchte?

Einmal angenommen, ich gehe hin und gebe einem der wenigen Menschen, die in der nächsten Stadt in der Fussgängerzone betteln und warten 200 Euro. Dann laufe ich schnurstracks zur Lokalzeitung und verkündige meine selbstlose Tat. Was meinen Sie, was dann geschieht? Wird darüber geschrieben? Ja, was wollen sie denn, das will doch niemand wissen. Wollen sie sich herausstellen? Selbstbepinselung wäre wohl der geringste Vorwurf. Geld verschenken? Der kann nicht mit Geld umgehen. Dem muss geholfen werden. Wenn der Geld verschenkt, stimmt etwas nicht mit ihm. Ein schlechtes Gewissen? Psychisch instabil? Wer würde wohl sagen: Gut gemacht. Der Penner wird die 200 Euro wohl gleich versaufen, aber als Geste – einzigartig!

Wächst das Gute in der Welt besser, wenn man es erwähnt? Nein. Wächst das Gute in der Welt besser, wenn man handelt? Ja. Was könnte die Triebfeder des Handelns sein? Die Erwähnung nach der Tat. Zur Motivation der Zusehenden und Zuhörenden und Zulesenden es gleichzutun und wiederum erwähnt zu werden?

Wie viele werden wohl diese Artikelüberschrift lesen? Vielleicht. Wie viele werden den ganzen Artikel lesen? Vielleicht. Wie viele werden den Artikel kopieren und weiter durchs Netz schicken? Vielleicht. Zu viele Vielleichts in einem Abschnitt. Und doch: Es sind Weihnachten. Weihnachten geschehen Wunder.

Und ändert sich wenig, ändern einige wenige viel. Jeder kann heute kostenlos einen Blogg betreiben. Jeder kann das Gute in der Welt herausstellen und die Probleme durch Handeln lösen und hinterher über den Lösungsweg, den Königsweg reden.

Und jeder kann aufschreien, wenn das sogenannte Böse zum Beispiel als Osama Bin Laden oder Al Kaida in der ganzen Welt bekannt ist, deren angebliche Opfer aber im Bewusstsein namenslos bleiben und als Zahlen körper- und gesichtslos dem Vergessen preisgegeben sind.

Wie lange schreiben Journalisten noch den vollen Namen der Massenmörder und tragen so zu Nachahmungstaten bei? Wie lange noch? Jeder kennt den vollen Namen von Adolf Hitler. Wie viele können heute auch nur eines seiner Opfer beim Namen nennen? Wenn es sich nicht gerade in der eigenen Familie befindet?

Das sogenannte Böse wird sich immer wieder personalisieren, solange es in Schulbüchern mit vollem Namen genannt wird, solange sein Lebenslauf in allen Einzelheiten bekannt ist, solange sein Foto zu den meistgedruckten Fotos überhaupt zählt und die Lebens- und Leidensgeschichten der vielen Opfer mit dem Leben der überlebenden Hinterbliebenen auf die Friedhöfe verschwindet.

So also mein Wunsch zu allen Neuen Jahren: Lasst uns das Gute tun und dann das Gute in allen Einzelheiten erwähnen!

© 2011 Hans-Jürgen John