Die guten Vorsätze für das Neue Jahr – oder – Wie das Gute gewinnt

Vor zwei Tagen habe ich mir das linke Knie angestossen. Ich schrie auf vor Schmerz. Ich konnte einige Minuten nicht auftreten. Ich bin kein Arzt. Ich fand heraus, dass es weiter geht, wenn ich das Bein steif halte, am Knie durchdrücken muss und so einigermassen schmerzfrei weiter meiner Wege gehen kann. Langsam eben, sehr langsam.

Mit der Abwesenheit der Hektik gehen auch die Gedanken anders. Tiefergehend vielleicht? Die Eindrücke wechseln langsamer und so entsteht vielleicht eine Art von Leerlauf im Gehirn? Ich weiss es nicht. Es beginnt sich, da unterfordert, selbst zu beschäftigen. Es springt von der Vergangenheit in die Zukunft und vom Wichtigen zum Nebensächlichen. Ein durchaus schönes Brainstorming entsteht.

Plötzlich ein Stopp: Das alte Jahr endet und das neue Jahr beginnt. Was wollte ich schon lange tun? Skifahren? In ein Musical! Im warmen Meer schwimmen? Das höchste Gebäude der Welt besteigen! Endlich die erste Million machen? Vielleicht sollte ich mal in kleinen Schritten beginnen! Jemanden in den Arm nehmen? Mich für irgendetwas belohnen! Jemandem mal tüchtig die Meinung sagen? Einen Bestseller schreiben! Einen Hund kaufen? Der würde sich dann wohl mehr um mich kümmern müssen, als ich um ihn! Jemanden treffen, den ich schon lange nicht gesehen habe? Mit dem Rauchen beginnen und dann wie letztes Jahr nach zwei Wochen aufhören, um zu zeigen, dass ich der Chef bin und nicht die Zigarette!

Vielleicht sollte ich gleich etwas tun, was ich mir schon zwei Jahre vornehme – und dieses Jahr wieder versäumt habe. Eine Geschichte schreiben über einen Vorgang, der mich erstaunt hat und beschämt. Eine Geschichte aus dem Leben. Und die Namen dazuschreiben. Wer wird sich schon darüber beschweren wollen, dass man ihn heilig spricht?

Wieso? Vielleicht habe ich die Nase voll von den schlechten Nachrichten. Wer will denn dem Pfarrer und dem Priester immer wieder zuhören, wenn sie von der Kanzel von den Sünden der schlechten Welt predigen und dann dankbar die Kollekte von den dann nicht mehr ganz so sündigen Gottesdienstbesuchern entgegen nehmen?
Welchen Zulauf hätten sie, die vor immer leereren Bänken predigen, würden sie ausdrücklich erwähnen wie Herr Schmidt der Frau Müller immer die Einkäufe tätigt. Obwohl er dazu sicher nicht verpflichtet ist. Obwohl die Frau Müller nicht sehr umgänglich ist, aber eben gehbehindert. Und wie interessant wäre eine Predigt, die alle Obwohls weglässt?

Welcher Pfarrer oder Priester macht den Anfang? Die, die doch das Gute predigen sollten. Wieso reden sie hauptsächlich über Verfehlungen? Tun sie uns Gutes, wenn sie immer nur ermahnen und den Erfolg kaum der Rede für wert erachten? Wer aus der Amtskirche ist mutig genug, es mit den schrecklichen Tagesnachrichten aus aller Welt aufzunehmen und uns unsere guten Seiten zu zeigen und uns dazu zu ermutigen dergleichen fortzufahren? Lasst uns loben und erwähnen, was wachsen soll. Lasst uns lieben, was nicht selbstverständlich ist und so fördern.

Und die Journalisten, die Zeitungsmacher? Muss es immer das Aussergewöhnliche sein? Ich habe selbst als Zeilenklempner neben dem Studium gearbeitet. In die Artikelüberschrift musste aus dem Bericht aus der Kirchengemeinderatsitzung der Einzeiler: Wieder mehr Taubendreck im Glockenturm. Hinterher kam ein Leser zu mir und meinte: „Musste das sein?“ Und ich entgegnete: „Der Redakteur hat so entschieden“.
Muss es immer das Negative sein? Nein, sicher nicht. Ein Motto aus der Ansage eines lokalen Radiosenders lautet: “I muss net alles wisse.“ Wie recht haben die Radiomacher doch. Aber haben sie das auch in dem Sinne gemeint, wie ich es verstehe und verstanden haben möchte?

Einmal angenommen, ich gehe hin und gebe einem der wenigen Menschen, die in der nächsten Stadt in der Fussgängerzone betteln und warten 200 Euro. Dann laufe ich schnurstracks zur Lokalzeitung und verkündige meine selbstlose Tat. Was meinen Sie, was dann geschieht? Wird darüber geschrieben? Ja, was wollen sie denn, das will doch niemand wissen. Wollen sie sich herausstellen? Selbstbepinselung wäre wohl der geringste Vorwurf. Geld verschenken? Der kann nicht mit Geld umgehen. Dem muss geholfen werden. Wenn der Geld verschenkt, stimmt etwas nicht mit ihm. Ein schlechtes Gewissen? Psychisch instabil? Wer würde wohl sagen: Gut gemacht. Der Penner wird die 200 Euro wohl gleich versaufen, aber als Geste – einzigartig!

Wächst das Gute in der Welt besser, wenn man es erwähnt? Nein. Wächst das Gute in der Welt besser, wenn man handelt? Ja. Was könnte die Triebfeder des Handelns sein? Die Erwähnung nach der Tat. Zur Motivation der Zusehenden und Zuhörenden und Zulesenden es gleichzutun und wiederum erwähnt zu werden?

Wie viele werden wohl diese Artikelüberschrift lesen? Vielleicht. Wie viele werden den ganzen Artikel lesen? Vielleicht. Wie viele werden den Artikel kopieren und weiter durchs Netz schicken? Vielleicht. Zu viele Vielleichts in einem Abschnitt. Und doch: Es sind Weihnachten. Weihnachten geschehen Wunder.

Und ändert sich wenig, ändern einige wenige viel. Jeder kann heute kostenlos einen Blogg betreiben. Jeder kann das Gute in der Welt herausstellen und die Probleme durch Handeln lösen und hinterher über den Lösungsweg, den Königsweg reden.

Und jeder kann aufschreien, wenn das sogenannte Böse zum Beispiel als Osama Bin Laden oder Al Kaida in der ganzen Welt bekannt ist, deren angebliche Opfer aber im Bewusstsein namenslos bleiben und als Zahlen körper- und gesichtslos dem Vergessen preisgegeben sind.

Wie lange schreiben Journalisten noch den vollen Namen der Massenmörder und tragen so zu Nachahmungstaten bei? Wie lange noch? Jeder kennt den vollen Namen von Adolf Hitler. Wie viele können heute auch nur eines seiner Opfer beim Namen nennen? Wenn es sich nicht gerade in der eigenen Familie befindet?

Das sogenannte Böse wird sich immer wieder personalisieren, solange es in Schulbüchern mit vollem Namen genannt wird, solange sein Lebenslauf in allen Einzelheiten bekannt ist, solange sein Foto zu den meistgedruckten Fotos überhaupt zählt und die Lebens- und Leidensgeschichten der vielen Opfer mit dem Leben der überlebenden Hinterbliebenen auf die Friedhöfe verschwindet.

So also mein Wunsch zu allen Neuen Jahren: Lasst uns das Gute tun und dann das Gute in allen Einzelheiten erwähnen!

© 2011 Hans-Jürgen John

Das Märchen vom nützlichen Pferd (3) von H.-J. John

Der Kaufmann ging neugierig näher. Er war viel in Geschäften unterwegs und hatte schon viele Pferde gesehen. Neugierig schaute er zum Boxenfenster hinein und fuhr zugleich erschrocken zurück. Das Pferd hatte ihn kaum erblickt, als es mit angelegten Ohren und geblecktem Gebiss auf ihn zuschoss. Der Kaufmann konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen.

“Das, das …das ist kein Pferd, das ist eine Bestie…haben sie das gesehen? Es wollte mich beissen. Bekommt es nicht genügend Futter?”

Der reiche Mann lächelte vergnügt. “Jetzt weiss ich was an diesem Pferd so besonderes ist. Es frisst gerne Fleisch. Sehr ungewöhnlich. An ihnen ist ja wirklich nicht viel dran”, flachste er.

Der Kaufmann machte, dass er davon kam. Noch oft erzählte er die Geschichte vom Pferd, das gerne Fleisch ass und es auf ihn abgesehen hatte.
Der reiche Mann ging nachdenklich nach Hause. So hatte sich Freddie, der Hengst noch nie verhalten. Ob er wohl krank war?

Wochen vergingen. Der reiche Mann hörte vom Kaufmann nichts mehr. Die Bezahlung für ihren Handel hatte dieser eingesteckt. Die Gegenleistung aber war er schuldig geblieben. Der reiche Mann begann zu ahnen, dass er auf einen Betrüger hereingefallen war.

Freddie, der Hengst, hatte sich wieder beruhigt. Der reiche Mann ging zu seiner Pferdebox und streichelte ihn am Hals. “Jetzt weiss ich was so Besonderes an Dir ist. Du hast sofort gemerkt, dass der Kaufmann ein Betrüger ist und wolltest ihn deshalb beissen.” Der reiche Mann seufzte. “Hätte ich das nur vorher gewusst.”

© 2010 Melanie Sauter und Hans-Jürgen John

Ein Märtyrertod? – Das exklusive Interview mit Julian Assange über Rolle und Funktion von Wikileaks von H.-J. John

I : Herr Assange…
A: Julian bitte….
I :Julian, wie geht es weiter bei Dir?
A: Das wird sich zeigen. Wir haben immer damit gerechnet, dass die Begleitumstände unserer Arbeit härter würden und haben uns darauf seit langem vorbereitet.
I : Ihr wolltet unter anderem zeigen, dass die amerikanische Regierung dem Volk verschiedene Wahrheiten vorenthält. Bist Du zufrieden?
A : Das Echo in den Medien ist gross.
I : Du wolltest die US-Regierung bei der Moral treffen. Jetzt gehen die Vorwürfe und Anschuldigungen aus dem internationalen Haftbefehl in die gleiche Richtung.
A : Wir haben viel erreicht.
I: Wie erklärst Du Dir, dass die sogenannten Whistle Blower (Geheimnisverräter, Anm. des Autors) Dir vertrauen und um die traditionellen Printmedien einen Bogen machen?
A : Die grossen Tageszeitungen haben eine wichtige Aufgabe. Sie zeigen durch die Veröffentlichungen, dass die Meinungsfreiheit über anderen Erwägungen steht: Wie wurden die Daten erlangt? Ist das Material geheim und darf nicht veröffentlicht werden?
I : Es fällt aber schon auf, dass es kaum Indiskretionen in dieser Hinsicht gab, bevor Wikileaks auftrat.
A : Die Redakteure einer Tageszeitung können nicht immer wie sie wollen. Es kommt auch mit auf die Herausgeber an.
I : …die meistens konform sind, die einen modus vivendi (verträgliches Miteinander, Anm. des Autors) mit den Obrigkeiten pflegen?
A : Dazu will ich nichts weiter sagen.
I : Als Wikileaks auftrat kamen die Printmedien in Zugzwang. Sie mussten das angebotene Material veröffentlichen, um zu zeigen, dass sie auch die Meinungsfreiheit vertreten?
A : Das sieht zumindest so aus…und um zu zeigen, dass sie auch mit im Geschäft sind. Der Kampf um die Auflagen ist für jede Zeitung überlebenswichtig.
I : Die Veröffentlichungen zielen grösstenteils in eine Richtung: Die US-Regierung. Wieso jetzt? Der aussenpolitische Schaden ist da. Die einen meinen er sei gering, die anderen sprechen von Vertrauensverlust.
A : Sie müssen sehen… wenn eine Regierung wechselt, wird nicht automatisch zugleich auch der gesamte Behördenapparat ausgetauscht.
I : Die Regierung Obama regiert teilweise noch mit den Gefolgsleuten von Bush?
A : Grob formuliert: Ja. Wir haben vor den Veröffentlichungen intern darüber diskutiert. Wir erweisen der Regierung Obama keinen guten Dienst. Obama hat unsere ganze Sympathie. Das Recht der Bevölkerung zu wissen, was vor sich geht haben wir jedoch höher eingeschätzt.
I : Euch wurde vorgeworfen, ihr hättet die Geheimdokumente nach und nach veröffentlichen sollen. Damit hättet ihr eine grössere Wirkung erzielt….
A : Das ist sicher richtig. Allerdings mussten wir uns beeilen. Niemand wusste, wann man versuchen würde uns zu stoppen. Wir wussten nur, dass dieser Zeitpunkt sicher kommen würde.
I : Seit Deiner Verhaftung haben sich viele Hacker aus der Deckung gewagt. Fast möchte man meinen, die Regierungen werden froh sein, eine Handhabe zu haben, um etliche Freizeitrevolutionäre lokalisieren zu können.
A : Und die entsprechenden Gesetze zu verschärfen. Sieh mal, als es den 11.September gab….
I : …war es ein Leichtes, die Antiterrorgesetze zu verschärfen.
A : Und was sonst nur im Kriegsrecht möglich ist….
I : …Verdächtige ohne Anklage und Gerichtsverfahren festzusetzen…
A : …wurde plötzlich möglich.
I : Ja, wird Wikileaks vielleicht instrumentalisiert? Hat man euch mal machen lassen, um danach Verbündete in der Staatengemeinschaft weltweit zu haben, die das Internet reglementieren und kontrollieren?
A : Das halte ich für eine gewagte Formulierung.
I : Es ist durchaus möglich?
A : Theoretisch ja.
I : Ich stelle mir einfach mal vor, ich würde hingehen und eine Internetplattform gründen, die Geheiminformationen sammelt. Hier in Deutschland wäre das zumindest als Anstiftung zu einer Straftat auslegbar und damit ein kriminelles Vergehen.
A : Ich kenne die Rechtsprechung in Deutschland nicht ausreichend. Wenn Du es sagst..
I : Ich bin kein Jurist. Ich stelle mir einfach mal vor, was wäre wenn…
Habt ihr euch denn nie gewundert, wieso man euch so lange gewähren liess?
A : Es gab Versuche, uns früher zu stoppen. Wir haben sogar mit einer Entführung oder einem Anschlag oder Attentat auf mich gerechnet.
I : Für eine Supermacht wie den USA theoretisch kein Problem. Ich sage nicht, dass sie es tun würden, aber wenn man die sonstige Vorgehensweisen gegen äussere Feinde verfolgt, so nimmt es Wunder, dass ein Julian Assange von Flughafen zu Flughafen jettete und spazierte – offiziell auf der Flucht und ein Gejagter – , Flughäfen, die allesamt videoüberwacht sind.
A : Sie meinen Wikileaks ist nur der Präzedenzfall, um das Internet als Bedrohung für die innere und äussere Sicherheit der Staatengemeinschaft zu kennzeichnen? Und um in diesem Fahrwasser so etwas wie eine Internetpolizei zu gründen?
Unsere Existenz und unser Wirken zeigt ja eben, dass es schwer ist, das Internet zu kontrollieren.
I : Bis jetzt zumindest. Was wenn doch?
A : Das wäre ein grosser Fehler. Die Menschen brauchen eine Spielwiese, um sich intellektuell auszutoben. In der Wirklichkeit geht das schon lange nicht mehr. Und gibt es die Ventilfunktion des Internets nicht mehr, werden viele ihre Unzufriedenheit auf andere Weise zum Ausdruck bringen.
I : Du meinst, die guten, alten Revolutionen à la 1789 n. Chr. werden wieder gesellschaftsfähig?
A : Schau Dich um. Wenn Du Erdbeermilch im Supermarkt einkaufst heisst das nicht, dass da auch nur eine Erdbeere enthalten ist. Die Menschen kümmert es nicht. Es schmeckt nach Erdbeere, das reicht. Wenn Du abends einen Actionfilm mit Jacki Chan siehst, wie fühlst Du Dich?
I : Gut.
A : Sehr gut. Du hast ab und zu die Hand zur Chipstüte bewegt und doch fühlst Du Dich, als hättest Du 49 gegnerische Kämpfer eigenhändig abgewehrt.
I : Ich kann Dir nicht folgen.
A : Ersatzbefriedigung ist das Zauberwort.
I : Surrogate?
A : Richtig. Die Menschen sind so weit, dass sie sich mit einer blossen Kopie von allem zufrieden geben. Sie brauchen die Meinungsfreiheit nicht mehr. Sie geben sich mit dem Anschein davon zufrieden. Es geht nicht mehr um den Originalgeschmack, es geht noch nicht einmal mehr um die gesunde Originalerdbeere. Wir geben uns mit irgendwelchen Geschmacksverstärkern zufrieden. Im richtigen Leben wäre Action à la Jackie Chan zu gefährlich. Uns genügt schon der Adrenalinstoss daheim auf dem Sofa, wenn wir uns einen Film anschauen. Obwohl wir wissen, dass alle Szenen gestellt sind. Diese Welt will betrogen werden.
I : Worauf willst Du hinaus? Betrügt Wikileaks seine Fans?
A : Nein. Wir liefern nur, was alle wollen. Wer möchte nicht gerne ein paar Staatsgeheimnisse kennen? Wir haben viel Unterstützung. Dabei füllen wir nur eine Funktion aus. Wir tun das, was viele gerne täten, aus existentiellen Erwägungen aber nie in Wirklichkeit ausprobieren würden. Und so geben die Menschen da draussen sich schon damit zufrieden, dass es uns gibt. Sie selbst brauchen ja nicht ihren Kopf und ihren guten Namen riskieren….
I : Wikileaks hat also eine ähnliche Funktion wie Erdbeermilch und Actionfilme à la Jackie Chan: Es soll dem Leser oder Konsumenten suggerieren, er wäre schon Teil einer grossen Sache, obwohl er lediglich zuhause am Computer sitzt und liest?
A : So ähnlich.
I : Das sind traurige Aussichten… Werdet Ihr es schaffen, das zu ändern?
A : Ich fühle mich wie Jesus, der gegen die römischen Besatzer antrat.
I : Jesus wurde gekreuzigt.
A : Was hier gerade passiert ist der Anlauf zu einem Schauprozess.
I : Bereitest Du Dich auf eine Rolle als Märtyrer vor?
A : Ich hoffe, es ist zu vermeiden.
I : Die unglaubliche Wirkung von Jesus seit ca 2000 Jahren beruht nicht zuletzt auf den Umständen seines Todes….
A : Die US-Regierung wird gut daran tun zu verhindern, dass mir etwas passiert. Ein Che Guevara hat tot bis heute mehr Wirkung erzielt, als er lebendig je hätte erreichen können.
I : Danke Dir Julian für das fiktive Interview.

© 2010 Hans-Jürgen John

Das Märchen vom nützlichen Pferd (2) von H.-J. John

Das ist so. Die Pferde waren immer Freunde des Menschen. Sie haben ihm als Reitpferd in Kriegen gedient. Sie haben ihm bei der Ackerarbeit geholfen und als Pferd vor Kutschen gab es sie auch.

Der reiche Mann liebte also Pferde über alles. Dann hatte er sicherlich ein gutes Herz?

Das ist so. Doch lass mich weiter erzählen, sonst vergesse ich wie es weiter geht im Märchen.

Also der reiche Mann hatte zwölf Pferde. Immer wieder zeigte er sie seinen Freunden und Geschäftsleuten. Er gaubte, dass alle Welt Pferde gern haben müsse, weil sie so scheue, freundliche Tiere sind und niemandem etwas zuleide tun.

Eines Tages kam ein Kaufmann von weit her. Er wollte Geschäfte mit dem reichen Mann machen. Der reiche Mann lud ihn zu sich nach Hause ein und sie tranken so manches Glas Wein zusammen. Der reiche Mann wollte den Kaufmann näher kennen lernen, bevor er mit ihm ein Geschäft machte. Der Kaufmann hatte wenig Zeit und drängte. Widerwillig gab der reiche Mann schliesslich nach. Sie besiegelten ihr Geschäft per Handschlag, wie es damals unter Ehrenmännern üblich war. Nun lud der reiche Mann den Kaufmann ein, mit ihm die Pferde anzuschauen. Der Kaufmann zögerte. Er hatte bekommen was er wollte. Doch der reiche Mann liess nicht locker.

Sie gingen zusammen in den Pferdestall und der reiche Mann stellte dem Kaufmann seine Pferde einzeln vor. Das eine Ross konnte besonders gut springen. Das andere Ross war ideal für die Dressur und sogar ein/zwei Zirkuspferde waren dabei, die auf Kommando auf die Hinterfüsse gingen und dabei mit dem Kopf nickten. Endlich waren die zwei bei dem letzten Pferd angekommen. “Und was ist an diesem Pferd so besonders? Kann es sprechen oder die Zukunft vorher sagen?” Der Kaufmann glaubte einen guten Witz gemacht zu haben und wieherte vor Lachen. Die Miene des reichen Mannes verfinsterte sich. “Nein. Ich weiss nicht was an diesem Pferd so besonders ist. Es kann nichts. Es frisst nur den ganzen Tag und schläft die halbe Nacht. Es macht doppelt so viel Mist wie die anderen und wenn es wiehert, beschweren sich noch die Leute im nächsten Dorf.”

“Wieso verkaufen sie es dann nicht?”, fragte der Kaufmann und schüttelte den Kopf. “Das weiss ich nicht. Es ist so ein Gefühl. Ich werde schon noch herausfinden was an diesem Pferd so besonders ist.” Der reiche Mann schwieg.

© 2010 Melanie Sauter und Hans-Jürgen John

Das Märchen vom nützlichen Pferd (1) von H.-J. John

Es war einmal ein reicher Mann, der besass zwölf Pferde.

Aber ein Pferd genügt doch zum reiten. Wieso denn gerade zwölf?

Das hatte sich so ergeben. Nach und nach waren es mit den Jahren mehr geworden. Auch hatte Jesus ja zwölf Jünger gehabt und so glaubte der Mann manchmal an eine heilige Bedeutung der Zahl zwölf.

Manchmal?

Ja, mit dem Glauben ist das so eine Sache. Manche denken, dass etwas glauben nützlich sei und so leisten sie ihn sich wie einen Mercedes, obwohl sie auch in einem VW oder einem Fahrrad an ihr Ziel kämen.

Dann ist Glauben so etwas wie Luxus?

Luxus ist überflüssig und es gibt ihn doch. Ich denke nicht, dass der Glauben überflüssig ist. Ich kenne Menschen, die sehr viel Kraft für sich und andere haben, weil sie fest an Gott glauben. Der Glaube gibt ihrem Leben Sinn und Ziel. Andere aber glauben, weil sie denken dann besser geschäftlich voran zu kommen. Und wieder andere meinen es könne ja nicht schaden. Wenn es Gott gibt und man glaubt, dann ist man auf der sicheren Seite, später. Wenn es ihn nicht gibt, dann macht das auch keinen grossen Unterschied für die Leute, die nur so lala glauben.

Doch zurück zu unserem reichen Mann. Er liebte Pferde über alles. Er pflegte zu sagen: Sie sind so gross und in Wirklichkeit so klein.

Was meinte er denn damit? Etwas kann nicht gleichzeitig gross und klein sein.

Ich glaube, er meinte sie seien vom Körper her gross. Klein seien sie, weil sie nicht selbst für sich sorgen können. Früher schon, als diese Welt noch nicht vom Menschen dominiert war. Heute hat es ein wild lebendes Pferd sehr schwer. Überall gibt es Zäune, Strassen, Häuser. Wie will es da zurecht kommen so ganz alleine.

Dann ist es aber gut, dass sich die Menschen um die Pferde kümmern und sie pflegen und sie füttern.

© 2010 Melanie Sauter und Hans-Jürgen John

Wie man Probleme löst und Ziele erreicht (9) von H.-J. John und Achim Wendt

Woher kommt die Erkenntnis (2)

Glücklich kann sich schätzen, wer Menschen trifft und kennt, die ihr Wissen und ihre Erfahrung uneigennützig teilen.
Mein älterer Freund erzählte von der grossen Kraft, die in jedem Menschen wohne. Und dass alles in jedem angelegt sei: Glück, Trauer, Leid, Armut, Reichtum, Trennungen und erfüllte Beziehungen. Dass aber viele Menschen dies und ihren Sinn ausserhalb suchen. So wie man zum Trinken in eine Kneipe gehe, obwohl dies auch zuhause möglich sei. Demnach wäre der wochenendliche Besuch in der Disko ebenso überflüssig wie das Reisen in ferne Länder oder die Sinnsuche über eine Partnerschaft.

Wozu weit gehen, wenn alles in uns ist und wir uns nur dessen bewusst werden müssen, um zufrieden und glücklich sein zu können? Keine Feldwege, keine Umwege mehr auf dem Wege zum Glück, sondern gleich die Autobahn?

Das würde für uns und unsere Probleme oder Ziele bedeuten, dass wir der Ursprung von allem sind und somit auch die Lösungen in uns tragen.

Mit dieser Erkenntnis wird sich unser Ziel beziehungsweise die Suche danach grundlegend ändern: Da wir selbst der Ursprung von allem sind, ist sofort klar, wo die Suche beginnen muss, wenn sie Aussichten auf Erfolg haben soll: Bei uns.

© 2010 Hans-Jürgen John und Achim Wendt

Geborgen von M. Sauter

Lesen oder Schweigen?

Tierrechte fordern?

Tod beim Wasserfest in Kambodscha.

Sonntags segnet der Papst vom Fenster über den Petrusplatz hinaus.

Bodenhaftung verloren – und doch gewann die Hongkong Chinesin Wong Wan Yiu Silber – mit Blutergüssen und Rippenbrüchen.

Ein Krokodil verbeisst sich im Rüssel einer Elefantenkuh in Sambia. Ihr Kalb befreit sie.

Jack Wolfskin, der Arme, ist draussen zu Hause.

Eine US-Rakete soll im Januar 2009 ein Haus zerstört haben.

Scheich al Mauretani soll von Anschlägen in Frankreich und England gesprochen haben.

Norbert Röttgen und Angela Merkel waren im August im Kernkraftwerk Lingen.

Vom Spalter zum Schlichter – wie die Presse Heiner Geissler sieht: das unbequeme Wesen, diese unberechenbare Unabhängigkeit.

Eine Welt ohne Religionen ist laut Richard Dawkins eine Welt ohne: Selbstmordattentäter, 11. September, Kreuzzüge, Hexenverfolgung…. und und laut Thomas Osterkorn eine Welt ohne Sinn und Hoffnung für die Menschen.

Stammzellenforscher Shinya Yamanaka erhält den Balzan-Preis.

Ärzte ohne Grenzen können für 75 Euro 150 an Malaria erkrankte Kinder behandeln

© 2010 Melanie Sauter

Der Schnorrer von H.-J. John

“Haben sie mir bitte ein paar Münzen”, sagte der Kahlköpfige und begleitete den Reisenden ein Stück seines Weges durch die Bahnhofshalle. Dieser beschleunigte seine Schritte, als sei er auf der Flucht oder wolle seinen Zug nicht versäumen.
Nur verneinend den Kopf schüttelnd, ging er nicht weiter auf die Hürde am Wegrand ein. Der Kahlköpfige wurde unruhig und die Metallstücke in seinen Ohren und seinem Gesicht klimperten leise. Geduld schien ihm nicht in die Wiege gelegt zu sein und er sah sein Bierfrühstück in Gefahr.
Leise, doch eindringlich und durchaus verständlich bemerkte er: “Du platzt ja gleich”, und er wiederholte es einige Male, als wolle er einen Vergleich zu sich selbst schaffen. Und er wiederholte es einige Male, bis die Schwingtüre zu Bahnsteig eins ihn dazu brachte abzulassen und sich einem der ankommenden Reisenden zu widmen, der den umgekehrten Weg hatte.
Die weibliche Durchsagestimme bat um Aufmerksamkeit. “Bitte beachten sie, dass das Rauchen im Bahnhofsgebäude untersagt ist.” Sie wiederholte sich. Der Kahlköpfige ging nicht in Form einer rechtsgeschäftslosen Verbringung unnütz zu seinem Ausgangspunkt zurück, sondern hatte gleich die nächste Gelegenheit wahrgenommen.

Der erste Verfolgte, ein gut zwei Metermann, der auch in der Breite nicht viel schenkte, anders als sonst üblich bei in die Länge geschossenen war ein gutes Stück kleiner geworden und ging gesenkten Kopfes seinen Weg. Am Abend kündigten die Nachrichten an, dass der neue Bahnchef die Essensausgabe der Bahnhofsmissionen in den Bahnhöfen stoppen wolle und so hoffe im gleichen Zug, die Obdachlosen und Bettler von dort zu verbannen.
Der Kahlköpfige wusste davon wenig und würde er es gewahr werden, konnte er immer noch zum nächsten Supermarkt ausweichen.
Er war es gewohnt, vertrieben zu werden. Zuerst aus Arbeit und Wohnung, dann auf der Strasse wo auch immer er gerade Sitzung machte. Das Leben ohne die Fesseln, die Ehe und Schulden und Familie und Arbeit für manche bedeuteten war ein freies und er genoss es solange es welche gab, die darauf neidisch waren und es ihm nicht gönnten und unter irgendwelchen abstrusen Vorwänden ihrer geordneten und durchregelten Welt darin eingriffen.

© 2010 Hans-Jürgen John

Kaffee trinken von H.-J. John

Kaffee trinken

Er war Lokführer und hatte sie im Zug kennen gelernt. Es war keiner dieser E-Loks oder Dieseltriebwagen, an die Personenwagen gehängt werden und zu denen kein Fahrgast Zutritt hat. Es war ein 628er wie sie unter Bahnern heißen.

Die Triebwagenführerkabine war abschließbar, die Tür zum Fahrgastraum stand jedoch meistens offen, besonders im Sommer, wenn die Sonne heiß durch die Windschutzscheibe brannte und dem Triebwagenführer den Schweiß aus den Poren trieb.

Das Sprechen mit dem Fahrer war untersagt. Sie war eingestiegen und war an seiner Tür stehen geblieben.
“Werden wir pünktlich ankommen?”, sagte sie, als ihre Blicke im Rückspiegel auf einander trafen. “Sicher”, sagte er.
Sie drehte sich um und suchte sich einen Sitzplatz und von diesem Tag an achtete er darauf, ob sie unter den Fahrgästen war und war enttäuscht, wenn nicht. Mit der Zeit kamen sie sich näher.

“Sie fahren oft diese Strecke”, bemerkte sie einmal und lächelte. Er nickte und dachte daran, wie oft er schon die Schicht mit den Kollegen getauscht hatte, nur um sie zu sehen.
“Aber nicht mehr lange”, fügte er hinzu. “Ich bin versetzt worden, leider.”

“Dann werden wir uns nicht mehr sehen, schade”, sie schien ehrlich enttäuscht. “Ich habe gleich Schluss, ich stelle nur noch den Triebwagen auf das Abstellgleis.” Er dachte nach.

“Heute ist Sonntag, darf ich sie zu einem Kaffee einladen?” “Was hat das damit zu tun, dass es Sonntag ist?” Sie sah ihn nicht an.

“Ich habe nur überlegt, wann meine nächste Schicht beginnt.” “Oh.” Sie sah ihn nicht an.

” Ich würde sehr gerne, “nur bin ich darauf nicht vorbereitet.” Sie zögerte. “Wir könnten uns morgen treffen.” Erfreut stimmte er zu. “Wo? Hier?” “OK.” “Gleiche Zeit und gleicher Ort.” Sie ging davon und er sah ihr nach und sie bemerkte es, als sie sich noch einmal umdrehte und winkte ihm noch einmal zu.

Am nächsten Mittag stärkte er sich in einer Lokalität in der Nähe des Bahnhofes und gerade, als er bezahlen wollte, bemerkte er sie ein paar Tische weiter. Sie war allein und hatte ihn nicht bemerkt. Offenbar hatte auch sie gegessen und spülte mit etwas Rotem nach.

Sie trug ihr Haar als Zopf und als er näher kam, bemerkte er, dass sie im Gegensatz zu gestern einen sehr kurzen Rock trug. Ihr Beine waren lang und wohlgeformt und die Absätze kurz. Er hasste hohe Absätze. Weder konnte man darin laufen, noch tat es den Füßen gut. Es war wie mit dem Rauchen. Es stank, es kostete Geld, es war ungesund, zuweilen tödlich und doch übten es viele aus, wie einen Sport.
Schaut her, ich möchte sterben. Wer möchte eine mitrauchen?

“Hallo.” Er sprach sie an und sie war überrascht. Sie strich sich mit der rechten durchs Haar, als bedauere sie, ihm schon jetzt zu begegnen, bevor sie sich hatte frisch machen können. Dann gewann die Freude, ihn zu sehen die Oberhand. “Hallo.” Sie lächelte und bot ihm einen Platz an. Er verneinte dankend. “Wollen wir nicht gehen?” Sie fragte nicht weiter, senkte den Blick, suchte in ihrer Tasche nach Geld und ging, ohne auf die Bedienung zu warten.

Er beeilte sich mitzukommen. Sie schlug den Weg in Richtung Bahnhof ein. “Bist du mit dem Wagen gekommen?”, fragte sie. Er nickte und überlegte fieberhaft was sie vorhatte.

“Wo stehst du?” “Auf DB-Gelände.” “Fahren wir ein Stück.” “Wohin möchtest du?”

“Irgendwohin. Hier sind zu viele Leute.” “Wir könnten noch einen Kaffee trinken. Es gibt in der Nähe meines Büros einen Automaten.”

“Du hast ein Büro? Ich dachte du bist Lokführer und immer unterwegs?” “Nun es ist eine Art Ruheraum, man kann Fernsehen oder Kaffee trinken oder sich auf die nächste Schicht vorbereiten. Um diese Zeit wird dort niemand sein”, fügte er hinzu.

Sie nickte stumm. Er lief hinter ihr und verfolgte wie ihr Rock im Takt ihrer Schritte hin und her wippte. Sie sah sich nach ihm um und lächelte, als sie seinen gesenkten Blick sah.

“Was machst du eigentlich, wenn du nicht gerade mit dem Zug fährst?” “Ich arbeite bei einer großen Firma in einem Großraumbüro. Es ist sehr interessant und ich liebe es.” “Oh”, ich habe nichts gesagt. Er wehrte mit beiden Händen ab.

“Du brauchst nichts zu sagen. Ich kenne die Vorurteile schon, von wegen Tippse und so.” Er antwortete nicht. Es war nicht wichtig, woher sie kamen und wohin sie später gehen würden. Es war warm. Der Parkplatz war bis auf zwei Fahrzeuge leer.

“Das sind Kollegen, die unterwegs sind”, versuchte er ihre Bedenken, falls sie welche haben würde, zu zerstreuen. Sie erwiderte nichts. “Hast du überhaupt Lust auf einen Kaffee?”

Er öffnete ihr eine Hintertür, bevor sie das Gebäude betraten. “Ja.” Sie nickte, sah ihm nicht in die Augen. “Wir duzen uns”, stellte sie fest. “Ist mir gar nicht aufgefallen. Als würden wir uns schon lange kennen.” “Ja.” Bevor sich die Türe des Gebäudes schloss sah sie auf dem Bahnsteig einen jungen Mann mit einem Notebook. Er saß da und schaute zu ihnen herüber und dachte sich sicher seine Sachen.

Sie betraten das Büro. Es war gemütlich eingerichtet. An der einen Wandseite stand ein Kaffee und Colaautomat, auf der anderen stand ein Sofa und in der Mitte einige Stühle um einen Tisch. Dienstpläne und Bekanntmachungen bedeckten die Wände ringsherum und sparten nur das Sofa und die Automaten aus. “Setz dich doch”, bot er an und ging zum Kaffeeautomat. “Kaffee oder Cola?” “Cola, bitte”, sagte sie schnell. Sie stellte ihr Umhängetasche neben die Couch und es war, als hätte sie ein Kleidungsstück abgelegt.

Als er sich umdrehte und mit der Cola in der linken und dem Kaffee in der rechten auf sie zukam musste er unwillkürlich schlucken und verschüttete den oberen Rest des Kaffees.

Das Baby von H.-J. John

Das Baby

Man schrieb das Jahr 1960. Das ist nicht weiter wichtig, aber es ist eine der Tatsachen in der nun folgenden Geschichte. So wie es geschah, dass an einem der Tage in diesem Jahr, morgens um halb acht, als der Raureif noch gegen die helle Wärme des sich abzeichnenden Sonnentages bestand, ein Kind geboren oder sagen wir besser in diese Welt geworfen wurde.
Seine Mutter, Fließbandarbeiterin aus einer Universitätsstadt nahe dem baden-württembergischen Stuttgart in Mitteleuropa gelegen und dort in Deutschland, hatte es ebenda auf ihrem morgendlichen Weg zur Arbeit das Licht einer weitläufigen Grünanlage erblicken geheißen.

Eine halbe Stunde später, und die Niederkunft hätte in der wenig ungestörten Atmosphäre der Fabrikhalle zwischen neuesten und älteren Kopfgeburten ganzer Generationen von Ingenieuren stattgefunden. Ja, dort inmitten des lärmumtosten Arbeitslebens hätte es den richtigen Eindruck von der Erde bekommen, die es einmal regieren wollen würde. Aber nein, wir verdanken der unbekümmerten Schamhaftigkeit einer jungen, verzweifelten Mutter, dass sich die Welt in seinen kleinen Augen spiegelte, wie sie für es nicht so bald wieder sein würde: Erfüllt vom abwechslungsreichen Gezwitscher eines entflogenen Wellensittichs und dem Rauschen herannahender, dann weiterziehender Scharen verschiedener einheimischer Vogelarten.
Eine Welt, friedlich, wenn man vom ersten Schrei des Neugeborenen absah, der fremd wirkte, besitzergreifend, ein Laut, der seiner Mutter ans Herz griff, dann aber verstummte und losließ.

Nur so lässt sich mit ungläubigem Entsetzen und aus heutiger Sicht erklären, dass sie ihr Neugeborenes unter die grüngestrichene Bank gleiten ließ und davonging. Sie hatte ihr als Unterlage gedient, um es endlich nach neun Monaten aus sich herauszudrücken, so wie man nach dem Genuss einer üppigen Mahlzeit seine Notdurft verrichtet. Nur dass im vorliegenden Fall ein paar schöne Stunden in neun Monaten verdaut werden mussten.
Sie erinnerte sich noch an den Vater, nein besser gesagt, an die Nacht mit ihm. Mehr noch als Personen merkte sie sich Handlungen. Was blieb auch von den Lebendigen in den Geschichtsbüchern außer der Abbildung ihrer Totenmaske, dem Schein ihres Aussehens und der Beschreibung dessen, wozu sie fähig gewesen waren, ihre Handlungen und Taten, egal, ob sie widerwärtig gemein, oder als vorbildlich und somit unbedenklich für die Nacheiferung zu bezeichnen waren.

Im Rückblick schien am Anfang der Vergangenheit das Gute im Gleichgewicht zum Bösen bestanden zu haben. Fast war man geneigt, zu sagen, dass es im Gleichschritt mit dem Bösen am Anfang der Zeit einmarschiert war.
Erst seit es ein undisziplinierter Haufen geworden war, der sich ungleich über die Lebensspanne der Erdlinge verteilte, war es unberechenbar, ungerecht geworden.
Die junge Mutter scherte sich nicht weiter um die Gesetzmäßigkeiten, denen Glück auf der Erde unterworfen war. Schicksal nannte sie ihre Lebensumstände und litt darunter, dass sie nie den Versuch unternommen hatte, Initiative zu ergreifen, etwas daran zu verändern. Das Leben vernachlässige sie, war ihre Überzeugung, und sie bemühte sich nach Kräften diese Ungerechtigkeit, wie sie meinte, wenn nicht vermeiden zu können, so doch mildern zu suchen.
Sie dachte anfangs voll Verlangen an den Mann, dessen Kind sie unter dem Herzen trug. Sein Gesicht, ja die ganze Physiognomie seiner Gestalt waren ihrem Gedächtnis entfallen. Nur die Gefühle, die seine Gegenwart, seine Hände, seine Lippen, sein Körper in jener Nacht ausgelöst hatten, waren noch nicht abgenutzt, durch neue Erfahrung beschmutzt. Zu oft hatte sie sie wachgerufen, wenn der kleine Körper, ihr gemeinsamer Fleisch und Blut gewordener Trieb, sich regte, von innen gegen die Bauchhöhle tapste. Zu oft hatte sie sich alleingelassen gefühlt und sich nach dem Trost seiner rauen, warmen Stimme gesehnt, zu oft fand sie sich mit Suizidgedanken wieder. Das Baby sei die Ursache, fand sie. Und da sie diese Überlegung niemandem mitteilte, weil niemand ihres Zustandes gewahr wurde, geschweige denn, dass sie die Frucht in ihrem Bauch und damit sich selbst durch Worte bloßgelegt hätte, die nur wieder selbstbezichtigend gewirkt hätten, da sie sich zurückzog und niemand offenbarte, konnte die stille Anklage der Mutter parallel zu den Entwicklungsstadien des Embryos gedeihen.
Sie saß neun lange Monate über es zu Gericht, ohne dass es sich hätte verteidigen können, ohne dass es einer Beweisaufnahme, eines Gesetzbuches oder eines Plädoyers bedurft hätte. Das Fernbleiben des Vaters beraubte das Kleine jeglicher Interessensvertretung und ließ zu, dass sich seine Mutter mit den Rollen einer Anklägerin und Richterin zugleich betraute. Dem Manne, der seinen Samen in sie hineingeschleudert hatte, ohne ein Kondom zu verwenden, gab sie keine Schuld. Die Hitze dieser Nacht hatte ihm keine andere Rolle als ihr zugedacht. Ohne daran zu denken, dass sie die Pille aus der Arzneimittelpackung herausnehmen und anwenden müsste, auf dass sie ihre Unvorhergesehenheit verhütende Wirkung entfalten könne, hatte sie ihren Liebhaber gewähren lassen, ihn durch ihr Gebaren nach besten Kräften ermuntert und schließlich unterstützt.
Es gab also Beteiligte, vielleicht zwei Schuldige beim Tathergang dieser Zeugung. Ihr Partner war längst nicht mehr zugegen, sich selbst wollte sie nicht anklagen, und so schob sie neun lange Monate, drei Viertel eines Jahres, dem Ergebnis ihrer Zusammenkunft die Schuld gemeinsamer Entgleisung zu. Dem zu, das sich nicht wehren konnte. Dem Kinde. In ihren Augen war es schon schuldig geworden, bevor es geboren ward. Schuld daran, die Leben zweier freier Menschen durch seine Geburt binden zu wollen. Schuld daran, ihr neun Monate ihres Lebens geraubt zu haben. Schuld an den Schmerzen, dem dauernden Unwohlsein, welches sie ertragen musste. “Du bist schuld”, sagten ihre Gedanken, wann immer sie des in ihr wachsenden, sich regenden Lebens gewahr wurde. Die ganze Wut, zu der sie fähig war, legte sie in diese Anklage, diese Worte der Unsicherheit und Zukunftsangst. Warum sie nicht hatte abtreiben lassen? Immer noch war da Hoffnung gewesen, die Hoffnung, dass ihr Lover eines Tages auftauchen würde, getrieben von erwachendem Verantwortungsgefühl oder auch bloß einem schlechten Gewissen oder, und sie klammerte sich an diesen Funken Unverstand, weil er die Liebe zu ihr neu aufflammen fühlte.

Sie ertrug duldend alle Unannehmlichkeiten, die Schwangerschaft mit sich brachte. Sie zog sich von ihren Freundinnen zurück, trug weit geschnittene Röcke, die dem Begriff Umstandskleidung gefährlich nahe kamen. Glück im Unglück meinte sie zu haben, als sich die Zeichen der Schwangerschaft nach außen in Grenzen hielten. Aber er, für den sie glaubte Zukunftsperspektive zu schaffen, indem sie das gemeinsame, sein Kind austrug, er kam nicht.
Und je näher der wahrscheinliche Zeitpunkt ihrer Niederkunft heranrückte, um so weiter entfernte sie sich wie in Vorbereitung des Vorganges, dass das Baby ihren Leib verlassen würde auch innerlich von ihm. Ohne den Vater wollte sie das Kind nicht. Indes er kam nicht. Aus diesem Wissen heraus war es ihr auch erst möglich im Augenblick der Geburt dem kleinen Körper zwischen ihren Beinen die Existenzberechtigung zu versagen. Mit ihm verließ alles Schlechte, das sie damit in Verbindung brachte ihren Leib, und als sie ihren Weg zur Arbeit fortsetzte, auch ihr Leben. Die Mutter ging ihrer Wege und ließ das Kind, den Teil von ihr, für den sie einmal Verantwortung übernommen hatte, indem sie verantwortungslos handelte, auf einem von ihnen zurück. Schreiend lag es im noch feuchten Gras, nackt wie Adam vor der Vertreibung aus dem Paradies gewesen sein soll, nur sehr viel jünger, schutzloser, wenig mehr lebensfähig, als dass es durch sein Geschrei in der Lage war Hilflosigkeit auszudrücken, Hilflosigkeit, auf dem Wege zur helfenden Aufmerksamkeit seines Nächsten eine der am weißesten flatternden Kapitulationsfahnen des Menschen im Gegenwind selbstgenerierten Schicksals. Ein Bündel Leben, noch lange nicht fähig, auf der Bank zu sitzen, unter der es zitternd lag. Dort blutend, wo seine Mutter die Nabelschnur mit einer Nagelschere durchtrennt hatte.

© 2010 Hans-Jürgen John