Spurensuche von Hans-Jürgen John

Eine Gnade und Möglichkeit, die vielen Vertriebenen zu Lebzeiten verwehrt blieb, war die Reise hinter den Eisernen Vorhang in die frühere Heimat. Ich begleitete meinen Vater Richard John nach Polen Jahre, nachdem West- und Ostdeutschland wiedervereint waren.

Es war teils eine Reise in die Vergangenheit – wir trafen eine alte Frau an, die in einer Hütte neben dem Elternhaus meines Vaters lebte und ihn aus ihrer gemeinsamen Jugendzeit kannte. Und es war teilweise eine Reise zu unveränderten und ihm vor nahezu 60 Jahren bekannten Gegebenheiten wie Pferdefuhrwerke auf mitunter unbefestigten Straßen.

An der Stelle des Elternhauses meines Vaters war ein anderes Gebäude errichtet. Scheu winkten die Bewohner aus den Fenstern uns zu. Sie wussten nicht, wer wir waren und wir drängten uns nicht auf. Es beschäftigte meinen Vater sichtlich. Die Vergangenheit hielt mit ihm Zwiesprache. “Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre ich wohl noch immer hier”, sagte er und ließ den Blick wandern zum Waldrand und über die Felder, die abgeerntet waren. Und es war nicht sicher, ob er traurig darüber war oder nicht.

Mein Vater war noch mehrmals in Polen. Er traf dort Verwandte und Bekannte. Eine Reise in die Vergangenheit, wenn die Zukunft im längst erreichten Rentenalter Zeit zur Besinnung lässt und die Erinnerung mit der Gegenwart zusammenfließt.

Ich erinnere mich an Ferien in Lodz mit Nachkommen früherer Nachbarn meines Vaters. Fröhliche und aufgeweckte Menschen, die von den Schatten des Krieges und Geschichten darüber wenig wissen möchten und in die Zukunft schauen. Und das ist gut so.

Doch wie kann man anders weiter Krieg verhindern, wenn man nicht über ihn redet? Ihn, der sich in der Menschheitsgeschichte mit Gewalt, Gräuel, Mord und unendlichem Leid festgeschrieben hat und es über die Jahrtausende immer wieder schafft, neue Täter und Opfer hervorzubringen. Doch kehren wir die Tatsachen nicht um. Die Menschen sind es, die sich seiner bedienen und nicht umgekehrt. Und so ist es nur folgerichtig, wenn sie unter seinen Folgen leiden. Vielleicht gewinnen sie nur so die Energie, um sich von ihm immer wieder zu distanzieren?

Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre mein Vater nicht verwundet worden, wäre er nicht aus Polen vertrieben worden, hätte er meine Mutter nicht getroffen, wäre ich nicht geboren worden.

Wäre ich nicht geboren worden … sicher hätte ich das verkraftet, wenn es den Krieg dafür nicht gegeben hätte. Was wäre wenn … .

© 2013 Hans-Jürgen John

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Identität und Stammbaum von Hans-Jürgen John

Ja mein Vater. Geboren wurde er im Jahr 1920. Er war das einzige Kind seiner Eltern. Ich weiß bis heute nicht, woher mein Nachname John genau kommt. Der Ehemann meiner Grossmutter väterlicherseits fiel bei Arbeiten am Hausdach in Mogilno (Kreis Sieradz) – eines dieser Dreihäuserdörfer – herunter, so heißt es, und verstarb. Ich weiß nichts Genaues. Ich hätte ihn gerne gekannt, so wie andere Kinder ihre Großväter kennen und von ihm gelernt. Ich hätte gerne mehr erfahren über diesen Mann und sein Leben und seine Sicht auf andere Menschen. Über die Güte, die man im Alter oft ausstrahlt. Und über die Ruhe und geduldige Weisheit, die man am Gipfel des Lebens erlangt.

Landwirtschaft zu Hause und das einzige Kind! Damit war klar, dass es für meinen Vater keine Zeit gab, um eine ausgedehnte Schulbildung zu erlangen. Wozu auch? Der Abstand zwischen den Kriegen war damals so kurz, dass eine Zukunftsplanung sowieso kaum großen Sinn machte (Erster Weltkrieg 1914/1918; zweiter Weltkrieg 1939/1945).

So waren die Gespräche zu Hause in Deutschland in meiner Kindheit keine Diskussionen zu politischen Themen oder tiefgründige Gespräche über bedeutende Literatur und Kunst. Der Alltag war unser Thema. Und oft reduzieren einfache Menschen ihre Erfahrungen auf Merksätze, Halteseile für ihre Kinder auf dem Weg durchs Leben. Einige dieser Ratschläge sind mir im Gedächtnis geblieben, andere entfallen. Mein Vater sagte oft: “Schaue nicht nach dem Geld. Es kommt und geht.” Er meinte vor allem die Menschen, die Glück mit Erfolg verwechseln und lieber die Karriere verfolgen, anstatt sich abends um Frau und Kinder zu kümmern und die Trennung und Scheidung zu riskieren.

Einmal erzählte mein Vater von einer alten Zigeunerin, die ihm vor Jahrzehnten aus der Hand gelesen hätte. Sie hätte ihm gesagt, er werde heiraten und vier Kinder bekommen. Ich lachte damals und meinte: “Da habe ich ja Glück gehabt. Hätte sie zwei Kinder vorausgesagt, wäre ich nicht hier.”

Heute möchte ich hinzufügen: Es wäre mir auch viel erspart geblieben. Das Leben ist wie ein Stück Rauchfleisch. Es ist durchwachsen. Man bekommt selten ein Stück ohne Speck. Und wehe es ist nur mager Fleisch daran und darin – manche mögen den Speck lieber.

Ja bis heute weiss ich nicht, ob meine Eltern vier Kinder bekamen, weil die Zigeunerin hellseherische Fähigkeiten hatte oder weil sie einfach daherredete, um etwas zu verdienen.

Egal. Ich danke ihr. Wie vielen anderen mag die alte Zigeunerin zu Nachwuchs verholfen haben und ob ihr Rat immer Glück und Erfüllung gebracht hat?

© 2013 Hans-Jürgen John

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Thomas Minder kämpft gegen Millionengeschenke an Manager (2) von Hans-Jürgen John

Versetzen wir uns in die Lage der Bürgerinnen und Bürger, die überlegen Aktien zu kaufen. Leicht ist nachvollziehen, dass sie im Zweifelsfall im Jahr eins nach der erfolgreichen Umsetzung der Abzocker-Initiative in Aktien eines Schweizer Unternehmens investieren werden. Hier können sie dann in Zukunft sicher sein, dass die Manager jeden Tag (vor Angst?) schwitzend versuchen, das Beste aus ihrem Job zu machen. Fehler können diese sich nicht mehr leisten. Entweder werden sie direkt durch die Aktionäre bei Abstimmungen abgestraft oder die Strafandrohung hängt über ihnen wie ein Damoklesschwert. Die Minder-Initiative ist hier als erster Schritt zu mehr Mitspracherecht der Aktionäre zu sehen.

Weitere Unternehmen werden in der Folge ihren Sitz in die Schweiz verlegen. Wenn alle Welt Aktien von Schweizer Unternehmen kaufen möchte – nur hier werden Aktionäre tatsächlich eingreifen können – bleibt anderen Unternehmen wenig anderes übrig, als ihren Hauptsitz in die Schweiz zu verlegen. Was die Schweizer durch den stückweisen Verlust des Bankgeheimniskuchens nun nach und nach verlieren, werden sie auf diese Weise mehr als wettmachen. Mit neuen Unternehmen entstehen weitere Arbeitsplätze – die Abzocker-Initiative aus dem Erfahrungsschatz eines Unternehmers entstanden ist gut durchdacht.

Weitsichtige sehen erstmals, wohin die Reise geht, wenn die Abzocker-Initiative angenommen wird: Nach den Wirtschaftskadern werden auch Spitzenleute aus der Politik in Zukunft durch die strafrechtliche Brille ihre Leistungen und Fehler gemessen sehen. So schließt sich der Kreis. Nun ist nachvollziehbar, warum weder die Wirtschaft noch die Politik für die Abzocker-Initiative sein darf. Doch – gelobt sei die direkte Demokratie in der Schweiz – die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger entscheiden.

Der parteilose Ständerat Thomas Minder (Porträt im Tages-Anzeiger) aus Schaffhausen ist selbst Unternehmer. Er geht – so habe ich es verstanden – davon aus, dass das Firmenvermögen der Aktiengesellschaft den Eigentümern gehört. Und das sind nun einmal die stimmberechtigten Aktionäre. Und daher sollen sie auch mitentscheiden dürfen, was damit geschieht. Wozu braucht es aber noch Manager, wenn die Aktionäre alles bestimmen wollen? Und wer möchte noch Manager werden, wenn es sich nicht mehr lohnt, ja wenn Strafe droht? Alles Fragen über Fragen.

Der Unternehmer Thomas Minder gleicht einem Spieler, der im Kasino sitzt, seine Einsätze auf Rot setzt und die Chancen bei über 50 % sieht. Er spielt hoch mit persönlichem und existenziellem Einsatz. Doch unklar ist der Ausgang. Die Zuschauer setzen sich aus Gegnern und Befürwortern zusammen. Er kann gegen die millionenschwere Bank auf Dauer nicht gewinnen. Das weiß er und setzt nur einmal alles auf eine Karte. Die Sympathien sind auf seiner Seite. Das dürfte den Ausschlag geben und die Kugel bei Rot stoppen. Wie Gruppierungen und Parteien in sich selbst zu diesem Thema uneins sind, zeigt ein Artikel des Tages-Anzeiger.

Kommentar: Ich gebe zu, meine Sympathie gehört Thomas Minder in dieser Sache. Sein jahreslanges Engagement und – ja man muss sagen sein Kampf gegen alle Versuche ihn zu überzeugen, ihm Steine in den Weg zu legen, ihn zu stoppen – selbst aus höchsten politischen Kreisen – hat meine Hochachtung. Die Zeiten ändern sich. Der Wind hat sich gedreht. Jeder, der tagtäglich seine Arbeit verrichtet und leistungsgerecht bezahlt wird, wird gegen die Selbstbedienungspraxis an Aktionärsgeldern vorgehen wollen. Die Mehrheit entscheidet. Nicht mehr eine elitäre Minderheit. Dies wird sich in allen gesellschaftlichen Bereichen weiter durchsetzen. Rechthaben und Geldhaben sind verschiedene Dinge und im Rechtsstaat zu trennen. Thomas Minder ist parteilos. Er lässt sich nicht von einer politischen Gruppierung vor den eigenen Karren spannen. Hat seine Abzocker-Initiative Erfolg, so wäre ihm zur Gründung einer eigenen Partei zu raten. Seine uneigennützige hartnäckige Vorgehensweise in dieser einen Sache würde ihm Zulauf von Wählerinnen und Wählern von links bis rechts bringen.

© 2013 Hans-Jürgen John

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Wegkreuzungen von Hans-Jürgen John

Mein Vater hatte diesen Ausweis, mit dem man sein Auto an Behindertenparkplätzen abstellen konnte. Er war zu 100 Prozent schwerkriegsbeschädigt.

Als Hitler seinen Kriegsfeldzug damit begann, dass er Polen überrannte, wurde mein Vater zusammen mit seiner Mutter davon überrascht. Er war gerade 19 Jahre alt. Sie hatten eine kleine Landwirtschaft in Mogilno. Hitlers Truppen nahmen junge Polen gleich mit zum Russlandfeldzug. Mein Vater war dabei. In den Karparten wurde er dann verwundet. Er verlor sein linkes Bein, war auf einem Auge blind und hatte diese Splitter im Körper, die sich immer wieder über Schmerzen meldeten.

Mit der Beinprothese konnte er leidlich laufen. So fuhr er gern mit dem Auto. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an viele seiner Aussagen. Kamen wir an ein Wegkreuz – es gibt sie vor allem auch in Süddeutschland und mitunter mit dem Jesus daran – so pflegte er zu sagen: “Schau Hans, da haben sie Jesus schon wieder gekreuzigt.” Dieser Satz prägte sich mir ein. Ja, ich gab ihm recht. “Warum denn das?”, fragte ich mitunter. Und ich wusste die Antwort schon auswendig. “Das weiß niemand.”

Zur Erinnerung an das Leben und Wirken Jesu wird oft der Jesus am Kreuz dargestellt. Dabei bestand sein Leben nicht nur aus der Kreuzigung. Oft sind diese Kreuze gespendet und erinnern an Unfälle, Verbrechen oder einfach an gläubige Stifterfamilien.

Wir kommen im Leben an vielen Kreuzungen vorbei. Jede Entscheidung lenkt unser Schicksal und beeinflusst unseren Weg. Dabei sind die Auswirkungen von Entscheidungen nicht immer sichtbar. Im Zweifelsfall müssen wir tun, was uns richtig erscheint. Seltener wechseln wir die Location, unseren Lebensmittelpunkt. Doch auch das muss manchmal sein. Und so hilft uns bei diesen Entscheidungen der Blick zurück in die Vergangenheit.

© 2013 Hans-Jürgen John

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Thomas Minder kämpft gegen Millionengeschenke an Manager (1) von Hans-Jürgen John

Immer wieder liest man von der “Volksinitiative gegen Abzockerei” oder der “Minder-Initiative”. Das dürfte so bis zum 03. März 2013 weiter gehen. Dann nämlich stimmen die Schweizer Bürgerinnen und Bürger darüber ab. Die Abzocker-Initiative des Thomas Minder wird von John P. Matthew aus Mumbai / Indien (früher Bombay) in seinem Artikel “Need to Curb Salaries of Directors in India” aufgegriffen und gelobt und zur Nachahmung in Indien empfohlen.

Worum geht es? Gegen Abzockerei? Dagegen sind wir doch alle. Wer wird abgezockt? Die Unternehmensinhaber, die Aktionäre. Millionen an Tantiemen, die an  Manager ausbezahlt werden, fehlen spätestens bei der Dividendenausschüttung.

Worum geht es im Einzelnen? Das wissen am besten die Initiatoren der Abzocker-Initiative. Hier deshalb der Wortlaut von deren Webseite (www.abzockerinitiativeja.ch):

“In den letzten Jahren sind die Vergütungen des Topmanagements in börsenkotierten Unternehmen geradezu explodiert. Millionengehälter sind zum Standard geworden. Ein CEO kassierte sogar ungerührt ein Gehaltspaket von 90 Millionen Franken. Dabei sind Vergünstigungen (Gratis Firmenautos und Flugreisen, private Nutzung von Firmenjets und Helikopter etc) nicht eingerechnet.

Bereicherung stoppen! Die Abzockerinitiative auch Minderinitiative genannt verlangt, dass der Eigentümer (Aktionär/-in) an der Generalversammlung über die Gesamtsumme aller Entschädigungen des Verwaltungsrates, der Geschäftsleitung und des Beirates abstimmen kann. Nicht mehr Kollegen und Freunde sollen den individuellen Lohnbestimmen, sondern die Generalversammlung wählt unabhängige Mitglieder in den so genannten Vergütungsausschuss.

Mit dem Verbot von Abgangsentschädigungen, Begrüssungsmillionen und Prämien bei Firmenkäufen und -verkäufen wird auch diesen Untugenden ein Riegel geschoben.

Mit der Abschaffung der Organ- und Depotstimmrechtsvertretung sowie der Stimmpflicht der Pensionskassen werden die Rechte der „echten“ Aktionäre gestärkt.

Bei Widerhandlung drohen Freiheitsstrafen bis zu 3 Jahren und Geldstrafen bis zu 6 Jahresvergütungen.

Diese Initiative betrifft nur im In- oder Ausland börsenkotierten Schweizer Firmen. Alle anderen Aktiengesellschaften sind nicht betroffen.”

Soweit die Vorstellung der Ziele der Initiative.

Was ist neu und wieso schreckt die ansonsten innovativ orientierte Wirtschaft ebenso wie die Politik vor diesen Neuerungen zurück?

Die Gegeninitiative kann sich auf gut gefüllte Millionenkassen stützen, während Thomas Minder mit Spenden und Geld aus seinem Vermögen arbeitet.

Radikal neu ist eine strafrechtliche Verfolgung bei Verstößen gegen die Bestimmungen der Abzocker-Initiative. Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren und Geldstrafen bis zu sechs Jahresgehältern. Justitia begehrt Einlass in die geheiligten Penthousewohnungen der Firmenspitzen. Das finanziell warm ausgestattete Aussichtsnest an der Unternehmensspitze von AGs, die an der Börse notiert sind, wird ungemütlich.

© 2013 Hans-Jürgen John

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Das bedingungslose Grundeinkommen (5) von Hans-Jürgen John

Der neue Ansatz nun bedeutet: Die Gesellschaft ist nicht das Wichtigste. Das Individuum zählt mehr. Das Lustprinzip soll herrschen. Das Wollen und die Wünsche des Einzelnen. Denken wir es durch. Die Mutter sagt: “Du hast Dein Zimmer nicht aufgeräumt! Heute triffst Du Dich nicht mit Deinen Freunden zum Spielen!” So dürfen wir nun entgegnen: “Ich habe keine Lust. Ich bekomme keinen Besuch. Es reicht, wenn ich das Zimmer einmal die Woche aufräume. So spare ich viel Zeit und wir haben weniger Streit wegen dieser Kleinigkeit.”

Ich höre schon die Kritiker! Was soll denn dieses Beispiel mit dem Grundeinkommen zu tun haben? Nun. Es geht um grundlegende Dinge. Wie viele Jobs gibt es in der Wirtschaft, die rein kreativ zu bewältigen sind? Jobs, die kein Wissen voraussetzen, das wir in Prüfungen nachgewiesen haben. Lernen erfordert Disziplin. “Nein heute gehe ich mal lieber Joggen und lasse die drei Vorlesungen an der Uni ausfallen!” Bekommen wir Geld ohne Gegenleistung, so wird sich unser komplettes Leben nach dem Lustprinzip ausrichten und alles was wir heute um uns sehen verändern.

Haben wir Hunger und möchten essen, so sind wir in Indien wie in vielen Ländern dieser Erde darauf angewiesen zu arbeiten. In Deutschland beantragen wir Sozialhilfe, wenn wir keinen Job haben. Die stärksten Gefühle, die den Menschen seit Jahrtausenden antreiben und ihm bis heute die Existenz vor allen anderen Lebewesen auf der Erde gesichert haben werden schachmatt gesetzt. Gefühle, die uns antreiben zählen nicht mehr. So wird der Antrieb eine Arbeit zu suchen und zu finden in unseren Breitengraden geringer. Der Anreiz auf Kosten des Gemeinwohls zu leben ist höher.

Fällt nun dieser Antrieb eine Arbeit zu suchen mit dem staatlich garantierten Grundeinkommen ganz weg, wo finden wir uns dann wieder? Plötzlich hat der Einzelne mehr Zeit. Werden wir beginnen miteinander zu streiten und wird die Kriminalität und das Gewaltverbrechen zunehmen? Studien zeigen, dass in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit die Kriminalität steigt. Auch an Feiertagen oder zu Weihnachten, wenn die ganze Familie zusammen ist kracht es gelegentlich ganz ordentlich in der Kiste. Unsere tägliche Arbeit gibt uns Struktur für den Tag und stärkt unsere Selbstdisziplin. Und vor allem sorgt sie nebenbei dafür, dass wir wenig Zeit für Streitigkeiten in der Familie haben.

Doch theoretische Überlegungen helfen wenig. Sie bringen allenfalls die Diskussion in Gang. Es braucht Feldversuche, um das Verhalten der Menschen nach Einführung eines Grundeinkommens langfristig zu untersuchen. Feldversuche in größeren Gebieten. Wer beginnt damit? In Deutschland wäre aus organisatorischen Gründen ein Bundesland ideal… oder in der Schweiz ein Kanton.

Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack. Der Staat würde sich mit der Einführung des Grundeinkommens aus der sozialen Verantwortung gegenüber seinen Bürgern stehlen. Die Bürgerinnen und Bürger, die mit dem Grundeinkommen nicht auskommen bleiben auf der Strecke, wenn die Sozialsysteme abgeschafft sind.

Soweit hätte es mit der Überschuldung der Staaten nicht kommen müssen. Die Nachteile und Schwachstellen der demokratischen Systeme sah bereits der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 1986 James M. Buchanan. Er schlug 1977 einen Zusatz zur amerikanischen Verfassung vor: Der Präsident ist verpflichtet, dem Kongress jedes Jahr einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen… (Finanz und Wirtschaft, Zürich 12.01.2013: “Hätte man bloss auf ihn gehört” von Manfred Rösch). Seine Forderungen verklangen ungehört und unberücksichtigt. Die demokratisch gewählten Regierungen sind gezwungen mit Blick auf ihre Wiederwahl dem Wähler finanzielle Geschenke zu machen und reiten den Staat so in die Schuldenfalle. Kurze Amtsperioden verschärfen das Problem. Willkommen in der Gegenwart!

Im Artikel “Die Ursachen und Folgen politischen Handelns (1)” ging ich bereits im Juni 2012 auf dieses Thema ein: “Und schon sind über die eigentlichen Ursachen bei einer der Folgen einer Politik kurzfristiger Ziele angelangt: Der Eurokrise. Die Eurokrise ist eine Schuldenkrise. Sie offenbart die Schwächen politischer Systeme, die auf Wahlerfolge fokussiert sind.”

© 2013 Hans-Jürgen John

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Das bedingungslose Grundeinkommen (4) von Hans-Jürgen John

Was aber tun nun Lars und Klara Müller mit ihrer Freizeit? Sicher wird Lars zunächst wie gewohnt zur Arbeit gehen – wenn er denn erwerbstätig ist. Immerhin bekommt er ja diese 1.000 Euro zusätzlich zu seinem Arbeitslohn. Dann beginnt er womöglich zu grübeln. Soll er in seinem Job weiter arbeiten? Er ist jetzt unabhängig und könnte seine Tage an Goas Traumstränden verbringen. Bargeldlose Überweisungssysteme machen den Dauerurlaub im sonnigen und sehr viel günstigeren Süden möglich. Doch warum das Paradies in Deutschland verlassen? Auch wird Lars Müller kaum seinen Job kündigen, wenn es ihm dort gefällt. Allenfalls wird er eine Arbeit suchen, die ihm Spaß macht und Befriedigung bringt

Studien in den USA zeigen, dass Menschen deren Existenzminimum ohne Auflagen gesichert ist, keineswegs die Arbeit niederlegen (Jeremy Rifkin: Das Ende der ArbeitISBN 3-596-16971-2 ).  Allenfalls werden die Löhne für unattraktive Jobs steigen. Dagegen hat niemand etwas.

Der Sozialstaat ist bankrott! In einigen Ländern wird dieses Szenario früher in anderen Ländern später drohen. Die sozialen Netze werden mitunter von Menschen als Hängematte missbraucht – zum Nachteil des Gemeinwesens.

Dass gerade die Schweiz, die ihre Finanzen im Griff hat, die Diskussion ums Grundeinkommen für jeden Bürger über eine Unterschriftensammlung und den Weg einer Volksinitiative einführen möchte, wundert. In der Schweiz ist die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger an der Politik infolge der sogenannten “direkten Demokratie” gegeben. Per Volksentscheid wurde schon so manche Initiative an die Politik zur Umsetzung weitergereicht.

Großes wollen die Befürworter des Grundeinkommens bewirken. Es geht zusammengefasst um nichts weniger als der Ablösung des Leistungsprinzips durch das Lustprinzip. Schauen wir uns um. Alles, was wir sehen ist, das Ergebnis jahrhundertelanger Bemühungen unserer Vorfahren – und nicht zuletzt uns und unserer Mitmenschen. Das Belohnungssystem hat funktioniert. Bist Du gut in der Schule, bekommst Du eine gute Ausbildung. Arbeitest Du hart, verdienst Du viel. Verstößt Du gegen allgemein akzeptierte gesellschaftliche Regeln (die geschriebenen und die ungeschriebenen) wirst Du durch Verlust des Arbeitsplatzes, der sozialen Bindungen ja in schweren Fällen bis zur Bestrafung durch die Justiz gemaßregelt.

Es fängt im Kindesalter an. Das Leistungsprinzip erfordert Disziplin. “Du hast Dein Zimmer nicht aufgeräumt”, sagt die Mutter. “Heute geht’s nicht raus zum Spielen, bis das erledigt ist.” Wir gehorchen. Wir lassen uns in die Formen pressen, die aufgrund der Lebenserfahrung unserer Eltern uns den gesellschaftlichen Aufstieg oder zumindest ein Auskommen ermöglichen sollen. Anpassung ist das Zauberwort. Gehorchst Du wirst Du belohnt. Dieses System zieht sich durch unser ganzes Leben. Und funktionieren wir gut, so sind wir irgendwann selbst in der Hierarchie nach oben gerückt und haben Kinder oder sind Vorgesetzte im Beruf.

© 2013 Hans-Jürgen John

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Das bedingungslose Grundeinkommen (3) von Hans-Jürgen John

Man höre und staune: Inmitten der Diskussionen um Staatsverschuldungen und den erklärten Zielen wegen geburtenschwachen Jahrgängen die Lebensarbeitszeiten zu verlängern kommen hochgebildete Akademiker, bodenständige Geschäftsleute und Politiker daher und erklären: Leben ohne  Zwang zur Arbeit ist möglich! Ja, sie rufen sogar dazu auf: Lasst den Zwang zur Lohnbuckelei in einem unerwünschten Job aus Existenzgründen wie Familienernährung, Hypothekenbedienung oder fehlenden alternativen Einkommensquellen wegfallen und alle sind erleichtert und atmen auf. Das Grundeinkommen ohne Verpflichtungen für jeden ist erfunden!

Die Firmen wären es zufrieden: Sie liebäugeln damit, dass unmotivierte Mitarbeiter und alle Nörgler und Faulpelze und Querulanten freiwillig den Arbeitsplatz räumen und das Weite suchen. Die Produktivität, so hoffen sie, wird steigen. Die verbleibenden Mitarbeiter genießen die neue Wohlfühlatmosphäre: Weil es unangenehm und Kräfte zerrend ist, mit unmotivierten oder lediglich durch den Lohn gepushten Kollegen zusammenzuarbeiten.

Welch ein gewagter Schritt in die richtige Richtung? Während in Mumbai / Indien (früher Bombay) beispielsweise von circa 20 Millionen Einwohnern schätzungsweise acht Millionen ohne staatliche Hilfen unterhalb der Armutsgrenze leben, soll einem Sozialhilfeempfänger hier im europäischen Paradies ein Grundgehalt von 1.000 Euro monatlich zustehen?

Das Motto: “Sei kreativ und lebe, ohne zu arbeiten!” wird aus der Welt der Fantasie in die Realität katapultiert. Religionen wie der Islam und das Christentum werden Anhänger verlieren. Das Paradies im Hier und Heute ist scheinbar teilweise möglich. Versprechungen vom Paradies jenseits des Todes gehen ins Leere. Auch hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Tiefgläubige werden ihrer Religion die Stange halten. Die Zweifler und Nörgler springen ab.

“Welch ein Unfug!”, sagt so manch einer, der jahrzehntelang für Familie, Haus, Auto, Alterssicherung und Hypotheken gearbeitet hat. Das Leistungsprinzip soll außer Kraft gesetzt werden und das Lustprinzip als Leitmotiv für ein ganzes Volk gelten? Doch dann schaut er genauer hin. Das Grundeinkommen gilt ja nicht nur für die, die von der Hand in den Mund leben, sondern auch für Begüterte, also auch für ihn, wenn er nach Jahrzehnten das Häuschen endlich abbezahlt hat. Besänftigt runzelt er die Stirne und nickt widerstrebend. Das ist nun wirklich Gerechtigkeit, denkt er sich im Stillen.

Die Hartz-IV Empfänger bekommen glänzende Augen: Endlich! Das Schlaraffenland ist in greifbare Nähe gerückt. Ein Leben ohne Geldsorgen! Wird das Märchen Wahrheit? Versuchen wir es einmal durchzudenken.

Ein junger Mann, nennen wir ihn Lars Müller, bekommt also von heute auf morgen 1.000 Euro. Einfach so. Nach Abzug von Miete und Lebenshaltungskosten bleibt ihm nicht genug zum sorgenfreien Leben. Gilt das Grundeinkommen jedoch auch für Kinder, wird er schauen, dass er sich mit Klara, seiner bis dato Fernbeziehung zusammentut. Zusammen kommen sie auf 2000 Euro. Das ist schon etwas. Richtig interessant wird aber die Familiengründung. Je mehr Kinder, umso mehr Geld klingelt in der Kasse. Die Grenzen öffnen, weil die Geburten zurückgehen und zu wenig Junge die Renten der Alten bezahlen? Das muss nun nicht mehr sein. Die Geburtenrate wird explodieren.

© 2013 Hans-Jürgen John

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Das bedingungslose Grundeinkommen (2) von Hans-Jürgen John

Seien wir ehrlich. Es gibt genügend Geld. Im Laufe der Jahrzehnte seit der Währungsreform nach dem Weltkrieg konzentrierten sich große Geldmengen immer mehr in den Händen einiger weniger. Es mag ihnen gegönnt sein. Es zeigt: Das Leistungsprinzip funktioniert. Doch dieses Geld ruht teilweise und fehlt, um die Wirtschaft in Gang zu halten.

Erfolgreiche Geschäftsleute, Unternehmer und Privatiers konzentrieren einen Großteil des Geldvermögens in ihren Händen. Nur: Gelder, die auf Sparbüchern hocken und zur Beruhigung vor Zukunftsängsten dienen, kurbeln die Wirtschaft nicht an. Geld, welches sich in den Händen von Menschen befindet, die wenig ausgeben ist Gift für jede Volkswirtschaft. Der Ansatz, den Menschen Geld in die Hände zu geben, die es auch ausgeben und tüchtig zum Wohl der Wirtschaft und damit zum Erhalt von Arbeitsplätzen konsumieren werden, verspricht Erfolg.

Ja wozu sind denn dann die Sparguthaben auf deutschen Banken gut? Wenn Klara Müller das, was ihr monatlich übrig bleibt, zur Bank trägt und aufs Sparbuch einbezahlt, kann diese Bank davon Kredite vergeben. Klara Müller ist sich dessen nicht bewusst, dass sie dieses Geld möglicherweise im Notfall nicht ausbezahlt bekommt. Die Bank hat es verliehen. Tritt der Notfall XY ein – nehmen wir zum Beispiel eine Massenarbeitslosigkeit oder eine Wirtschaftskrise – und alle Menschen rennen am gleichen Tag zu den Banken, um an ihr sauer Erspartes zu kommen, trifft sie nach dem ersten Schock gleich ein Zweiter: Die Bank schließt wegen Zahlungsunfähigkeit. Der Spiegel hat schon im Oktober 2010 einen interessanten Artikel über das Blankoversprechen der Bundesregierung geschrieben, allen Bürgern eine Garantie für ihre Geldanlagen zu geben. Wohlgemerkt: Ein Versprechen der Bundesregierung und kein verpflichtendes Gesetz.

Zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild: Geldknappheit – sei es aufseiten der Banken oder aufseiten von Klara Müller – führt am Markt zur Katastrophe. Findige Menschen haben nun einen Ausweg gesucht und gefunden. Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) für jedermann und jedefrau.

© 2013 Hans-Jürgen John

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Das bedingungslose Grundeinkommen (1) von Hans-Jürgen John

Seit jeher geistert die Hoffnung auf das Paradies und die Idee vom Schlaraffenland (“Das Land der faulen Affen”) verstärkt durch Religionen und Märchen durch die Täler und Berge menschlicher Vorstellungskräfte.

Um die Wut der Menschen zu dämpfen, wenn sie sich ihres harten Lebens und der ungleichen Verteilung der Reichtümer bewusst werden, verweisen manche Religionen schon seit Jahrtausenden auf Gerechtigkeit und Erlösung und Erfüllung im Leben nach dem Tode. Revolutionen wurden so verhindert und soziale Unruhen gedämpft. Der geduldige, gläubige und obrigkeitshörige Mensch war geschaffen.

Das Paradies (Dschanna) verspricht im Islam nach dem Jüngsten Gericht dem Gläubigen durchaus weltliche Genüsse. Auch im Christentum dient die Wiederkehr des Menschen ins Paradies als Lockmittel und Belohnung für ein gottgefälliges Leben – eben nach dem Ableben und wird so in die Vorstellungskraft der Gläubigen projiziert. Johannes beschreibt das kommende Reich Gottes in der Offenbarung (21 – 22) als “Reich des Friedens und der Gerechtigkeit … Tod, Krankheit und Mühe werden der Vergangenheit angehören.” “Mühe” kann hier als “Arbeit” verstanden werden. Der Buddhismus verspricht das Nirvāna, sobald man dem Kreislauf von Geburt und Tod durchbrochen hat.  Damit ist ein Ende allen Leids und eine Loslösung von allem weltlichen gemeint, die paradoxerweise schon zu Lebzeiten erreicht werden kann.

Manch ein Artikel wurde in den vergangenen Jahren geschrieben, in dem soziale Unruhen vorausgesagt werden (Financial Times Deutschland). Hoch verschuldeten Staaten fehlen auch ausserhalb der Eurozone die Mittel, um die sozialen Netze aufrechtzuerhalten (Tages-Anzeiger vom 05. Januar 2013: “Wo die nächste Schuldenkrise droht / Japan / Weltmeister im Leben auf Pump” von Robert Mayer).

Kürzungen bei Renten, Krankenversicherungsleistungen, Kindergeld, Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe sollen die öffentlichen Kassen entlasten. Sinkende Löhne sollen inländische Firmen wettbewerbsfähig machen und Arbeitsplätze erhalten. Diesen Bestrebungen ist eines gemeinsam: Die Kaufkraft der Menschen geht zurück. Wer wenig Geld auszugeben hat, kauft – wenn überhaupt – billig und nur das Notwendigste. Setzen die Firmen weniger Produkte ab, bauen sie Arbeitskräfte ab oder verlagern gleich die Produktion in Billiglohnländer.

Eine fatale Situation. Wo ist der Ausweg? Ein Ausweg, der gangbar ist? Wie verschafft man den Menschen Geld, damit sie weiter Autos, Fernseher, Computer und Uhren kaufen und damit die Wirtschaft durch Konsum ankurbeln? Und wie umgeht man gleichzeitig immer aufgeblähtere Sozialsysteme, die den Staaten immer größere Lasten und Ausgaben bescheren?

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Grundeinkommen

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